Dunkelwasser (3)
| Historica Gideon 11. Dekade der Zeit |

Schauplatz :
Farhain
25.Eintrag
Nurbart stapfte voran zum Herrenhaus. Auf dem Weg sammelte er die Scherben des Blumentopfes ein, hängte das Wappen über der Eingangstür wieder grade und bat Leomar kurz zu warten. Nach wenigen Minuten kehrte der untersetzte Mann mit einem zufriedenen Lächeln auf seinem Gesicht zurück. "Eine gute Karte, von meinem Großvater persönlich gezeichnet." Mit diesen Worten überreichter er dem Magier stolz ein zwei auf zweit Spann großes Buchenbrettchen auf dem sorgfältig ein Pergament gespannt war. Das gut erhaltene Pergament trug im rechten Eck ein altes Wachssiegel. Leomar studierte die wertvolle, farbige Tintenzeichnung: Man sah das Dorf Farhain, die umliegenden Höfe Eberund, Ridder, Kartag und Lobersann mit angedeuteten Ackerland und Weidenflächen. Weiter im Norden deuteten gestrichelte Kreise eine Hügelreihe an, die mit den Namen Jolderhügel betitelt waren. Östlich der Hügel lag der Barondihof am Rand des Farhain. Der Wald erstreckte sich weit nach Osten und Süden. Wie versprochen, waren auch die Gewässer der Gegend verzeichnet. Ein gutes Stück nördlich des Dorfes floss der Farbach von Westen nach Osten und in den Wald hinein, bog nach Südosten ab und mündete in eine große grünblau markierte Fläche, dem Farteich. Im Süden des Teiches gab es einen Abfluss der sich bald Spaltete und nach Westen auf Höhe des Dorfes unterirdisch verschwand. Leomar vermutete, dass dieser Teil das Dorf und vor allem den Brunnen mit Wasser versorgte. Die andere Abzweigung, ein wenig breiter dargestellt, floss nach Süden weiter, verschwand laut Karte kurz unter der Erde, speiste wieder an der Oberfläche den Unterteich und verschwand im Süden erneut im Boden und von der Karte. "Ich hoffe es hilft Euch weiter, werter Herr Magus?" Leomars Blick erhob sich nicht von der Zeichnung, als er anfing, seine Theorien über die Fließrichtung, die Auswirkungen der unterirdischen Stellen auf mögliche Analysen und die Konzentrationsverteilung von Giften im Wasser im Allgemeinen und in Bächen, Tümpeln und Weihern im Besonderen zu äußern. Nurbart seufzte kaum hörbar, schob den Magus sanft aus der Tür heraus und verabschiedete sich mit einem gemurmelte: "Verzeiht, ich muss hier das Chaos aufräumen, bevor die nächste Versammlung beginnt. Weit gekommen sind wir ja vorhin nicht."
Aera starrte den Zwerg an. Er war klein wie ein Kind, aber mindestens doppelt so breit. Seine Arme hatten mehr Umfang als ihre eigenen Oberschenkel. Und der verhältnismäßig riesige Kopf mit dieser wilden Unmenge an Haaren. Brandur musterte im Gegenzug das junge Mädchen mit Skepsis. „Wo hast Du denn Wundversorgung gelernt, Kleine?“, grummelte er in ihre Richtung. „Kannst Du so was richten?“ Der Zwerg hob seinen kaputten Arm und Schmerz schoss durch seinen Körper. Er rührte jedoch keine Miene, was seine kleinen Augen noch stechender machten. Aera löste sich von ihrem Staunen, betrachtete den Arm und erwiderte zögerlich: „Franzibian, unser Dorfheiler hat es mir beigebracht und außer mir ist niemand mehr im Dorf, der Euch helfen könnte, so einen offenen Bruch mit möglichem Wundbrand zu behandeln. Brandurs Augen wurden schlagartig erstaunlich groß. Hatte sie Wundbrand gesagt. Hatte sie wahrhaftig und wirklich Wundbrand gesagt. Nichts war heimtückischer und vernichtender als diese langsam, unaufhaltsam faulende Krankheit. Brandur straffte sich und nickte dem Mädchen zu: “Da hast einen Edelstein erwähnt. Los, los, worauf warten wir. Das Geschäft gilt.“ Aera überlegte kurz, wie sie es geschafft hatte, dieses seltsame Wesen so schnell zu überzeugen, zuckte unmerklich mit den Schultern und deutete nach Süden zu Franzibians Hütte. „Ich kann Euch dort am besten versorgen und der Stein ist auch dort.“ Letzteres war eine kleine Lüge, da sie den Stein in ihrem Kräuterbeutel trug und diesen immer bei sich hatte. Ihr Mentor hatte ihr den Lederbeutel geschenkt, es war die Erinnerung an ihn, an all das was er ihr gegeben hatte, an all das was sie noch von ihm hatte. Es war so wenig. Sie drückte den Beutel an ihre Brust und ein kleiner Schauer lief über ihren Rücken.
Charie lächelte Boradin an. Es war offensichtlich, dass sein Stolz deutlich stärker verletzt war, als sein Kiefer. In dem Kräutergarten fand sich alles was sie brauchte. Sie reichte dem Zwerg eine Handvoll länglicher, dunkelgrüner Blätter, die er sich ohne Murren in den Mund stopfte und darauf herumkaute. Die Schwellung am Kiefer war ordentlich, aber nichts was einen Zwerg lange beeinträchtigen würde. Charie vermutete, dass solche Blessuren durch eine besondere Robustheit dieser Rasse schneller heilten als bei Menschen. „Die Blätter wirken schmerzlindernd und abschwellend. Aber ich würde noch etwas Kaltes auf die Stelle drücken.“ Boradin wackelte vorsichtig mit seinem Unterkiefer hin und her. „Oun ordontluchos Bour wurd hulfon. Abor dou Schonko ust zu. Und ounun kaltun, nassun Lappun aus dum Brunnon wurdo uch mur bostummt nucht uns Gosucht klatschon. Muss so gohon.“ Boradin lutschte weiter die Blättern und beobachtete die Waldelfe, wie sie vorsichtig zwischen den kleinen, gepflegten Beeten und Pflanzen hin und her ging, ohne eine einzige Spur zu hinterlassen. Seine Stiefel hätten dort tiefe Furchen gezogen. Charie erfreute dieser Garten. Es gab alles. Sie pflückte und sammelte sorgsam Blätter des Donf gegen allgemeine Schmerzen, ein paar frische Blüten der Urgannessel, die zerstoßen gegen Entzündungen halfen, eine Knolle des dreiblättrigen Flöterrichs für Magen- und Darmprobleme und sie fand sogar Wirselkraut, welches richtig angewendet über Nacht durch seine enorme Heilkraft neue Lebensenergie spenden konnte. Ihre braunen Augen flogen über die Kräuter. Sie suchte etwas zur Beruhigung. Die Stengel der Talamiske dort würden gehen, aber es war ein Rauschkraut und nicht jeder vertrug es. In einer schattigen Nische standen einige kleine Tröge, jeder mit eigener besonderer Erde gefüllt, die ihre Aufmerksamkeit erregten. Die meisten der Pflanzen dort waren Charie unbekannt, einige konnte sie jedoch als giftig einordnen. Sie hatte sich nie mit Giften und deren Gewinnung beschäftigt. Die Tonbehälter standen gut isoliert vom Rest des Gartens und niemand würde hier ausversehen etwas verwechseln. Für die Vorfälle im Dorf schloss sie die Pflanzen aus. Für solche Auswirkungen bräuchte es Unmengen an gefährlichen Pflanzen oder eine sehr gezielte hoch konzentrierte Mischung. Wenn jemand die Brunnen vergiftet hätte, müssten sich Spuren des Giftes finden lassen.
„Ha – was hat Dir denn eine aufs Maul gegeben“ donnerte Brandur plötzlich, der neben Boradin stand und trotz seines Arms von einem Ohr zum anderen grinste. „Ganz suchor koun durchguknalltor Stour, Du Hornochso!“ Charie hatte sich an den Umgangston der beiden Zwerge gewöhnt. Sie stammten aus verschiedenen Bergreichen des Landes und hatten sehr unterschiedliche Charakterzüge. Dennoch, Zwerg blieb Zwerg und das bedeutete für andere Ohren einen rüden und harschen Umgangston, den die beiden Zwerge als freundschaftliches Geplänkel beschreiben würden. Für Aera, die Brandur gefolgt war, war das allerdings vollkommen fremd und sie wich zwei Schritte von den Zwergen zurück. Charie winkte ihr sofort freundlich zu, war mit unheimlicher Schnelligkeit neben Brandur und schob diesen Richtung Hütteneingang. Brandur verschluckte seinen Protest, als Charie sanft aber bestimmt auf seinen verletzten Arm drückte. Boradin ließ sich am niedrigen weißen Zaun nieder und rief:“ Holt much, wonn uhr dun Arm ruchtot. Uch halt don Vorruckten dann fust!“ Aera eilte den beiden in die Hütte nach.
Brandur setzte sich auf einen etwas zu hohen Hocker an dem massiven Eichentisch. Aera verdrängte alle Zweifel und Sorgen, konzentrierte sich auf ihren Patienten, wie Franzibian es ihr gezeigt hatte. „Das könnte jetzt wehtun“, warnte sie den Zwerg. Mehr als ein „Pah“ bekam sie nicht als Antwort. Charie und Brandur beobachteten das Mädchen bei ihrer Arbeit. Sie verstand ihr Handwerk. Ruhige, aber feste Griffe, eine sichere Abfolge der Untersuchungen und kurze, trotzdem erklärende Mitteilungen ihrer Erkenntnisse. Brandur hätte sich zwar trotzdem lieber einen Zwergenheiler gewünscht, aber die Kleine war gut. Und vielleicht sogar sanfter im Richten seines … Der Rest ging in einem Feuerwerk aus Schmerz und Fluch unter. Die kleine Ratte hatte ihm doch tatsächlich ohne Vorwarnung … Sein Blick viel auf den Krug, der ihm unter die Nase gehalten wurde. Das sah aus, das roch, das war … „Gegen die Schmerzen“, kommentierte Aera. Charie lachte leise: „Das Gebräu wird dich nicht umbringen, Brandur.“ Dieser Glockenklang faszinierte Aera und beruhigte sie zugleich. Fachmännisch schnitt sie die Fleischfetzen ab. Brandur nippte misstrauisch an der Flüssigkeit. Aera suchte passendes Material zum Schienen und Verbinden in der Hütte. „Reibt bitte seine Wunde mit dieser Tinktur ein.“ Mit diesen Worten reichte Aera der Waldelfe ein winziges, kupferfarbenes Tiegelchen, dessen Inhalt einen Gestank verbreitete, der Charie beinahe sämtliche Sinne raubt. Nun lachte Brandur, dessen Zwergennase Schlimmeres gewöhnt war: „Das wird Dich nicht umbringen Elflein. Hier, schmiers drauf.“ Während Charie die weißliche Paste auf Brandurs Arm verteilte, kippte dieser den Inhalt des Kruges in einem Zug in seine Kehle, schmatze zweimal und bekam einen sichtlich zufriedenen Gesichtsausdruck. Aera stand mit einem einzigen Staunen im Gesicht hinter ihm und blickte zu Charie. „Hat er alles auf einmal?“ Charie nickte. Aera beugte sich zum Zwerg herunter, schaute in seine Augen und prüfte seine Reaktion. Vollkommen unbeeindruckt schaute Brandur zurück und meinte: „Wie sieht es nun mit unserem Handel aus. Du hast einen Stein erwähnt, den ich mir anschauen soll.“ Aera konnte es nicht glauben. Der Schnaps hatte den großen Burschen vom Lobersannhof umkippen lassen, als dieser ausversehen, die Flaschen verwechselt hatte. Und das war nur ein Schluck gewesen. „Mädchen, siehst Du Geister?“ brummte Brandur. Aera blickte ihm erneut in seine kleinen, runden Zwergenaugen: „Vielleicht, Herr Zwerg, vielleicht. Wartet bitte kurz.“ Aera ging zu ihrer Schlafstätte, drehte sich mit ihrem Rücken zu den beiden Gästen und holte den Stein aus ihrem Beutel. Er glänzte in dem einfallenden Sonnenlicht in einem sonderbaren dunklen grün.
„Hier Herr Zwerg. Könnt ihr mir bitte sagen, was das für ein Stein ist?“
Seylina stand am Brunnen und sortierte ihre Gedanken. Ihr Kopf legte sich dabei immer wieder einmal leicht nach rechts oder links, nur um in dieser Position zu verharren. Lady Zorkana beschäftigte sie. Buck hatte von einer bösen Frau in blauer Kleidung geredet. Die grobe Beschreibung und die vorherrschende Farbe von Zorkanas Garderobe würde passen. Allerdings hatte die Dame alles getan, um der Frau Namens Edda zu helfen. Gehörte ihr vielleicht auch dieser Rappen, den nichts aus der Ruhe bringen konnte. Der Wolf? Die Wölfe? Charie hatte von zweien erzählt, die ihr bei dem Stier auf der Straße begegnet waren. Und dieser Blitz. Ihre grünen Mandelaugen wanderten zu Nurbarts Haus und Leomar, der grade aus der Tür kam. Ein Menschenmagier. Sie gehörten in ihrer Wissbegierde und Forscherdrang zu den Mächtigsten der Arkanen. Wohl auch, da sie in ihrer kurzen Lebensspanne bewusster, schneller und intensiver lernen mussten, als ihresgleichen, denen Magie in die Wiege gelegt wurde und sich je nach Begabung über die Jahrzehnte intuitiv mitentwickelte. Sie war durchaus in der Lage menschliche Magie zu erlernen, aber dies war ein mühsamer und zäher Prozess. Seylina wog ab: Lady Zorkana oder Magus Leomar. Der Brunnen war giftig, das Wasser war verseucht, die Natur aus dem Gleichgewicht. Das hatte Vorrang. Zumal sie keine Ahnung hatte wohin die Frau, nachdem sie die Hütte verlassen hatte, hingegangen war. Leomar dagegen stand keine hundert Schritte von ihr entfernt. Wenn Leomar eine Karte hatte, konnte man sich diese anschauen und untersuchen. Jeder von ihnen auf seine Weise. Irgendwo da draußen verbarg sich etwas.
26.Eintrag
Leomar hatte überhaupt nicht bemerkt, wie der Dorfvorsteher ihn höflich nach draußen befördert hatte. Diese Angelegenheit benötigte ganz klar einen analytischen Verstand. Nurbart hatte von einem Notizbuch des Heilers gesprochen. Er könnte anhand der Informationen die Schritte der jeweils betroffenen Personen vor der Vergiftung nachzuvollziehen, um die Ursache zu finden. Wie langsam oder schnell wirkte das Gift? Wann war der erste „merkwürdige“ Vergiftungsvorfall aufgetreten. All dies zu analysieren wäre ein langwieriger Prozess. Aber letztlich würden einzig Fakten und kein zielloses Herumgerate sie weiterbringen. Am Ende der Untersuchungsreihe würde er bestimmt den Ort des Ursprungs der Vergiftung eingrenzen und die Ursache eliminieren können. Diese Waldelfe, Seylina, wäre eine vorzügliche Hilfe. Natürlich nur, weil sie mit ihrer elfischen Einsicht in die Natur eine wertvolle Bereicherung wäre und nicht etwa, weil er ihre Art absolut faszinierend fand und mehr über sie erfahren wollte. „Ihr sucht mich“, ertönte die melodische Elfenstimme direkt vor ihm. Leomar blieb wie vom Donnerschlag gerührt stehen. Konnte sie Gedanken lesen. Ihre glatten, harmonischen Gesichtszüge und die blitzenden smaragdgrünen Augen verriet weniger, als absolut überhaupt gar nichts.
Najiba ignorierte die umstehenden Leute, konzentrierte sich auf den Boden und die unzähligen Spuren. Stiefelabdrücke, Hufspuren, Furchen, Reste eines alten Pferdapfels, ein zertretener Käfer, Schleifspuren, Wagenrillen. Sie ging in die Knie. Ihre Finger wanderten über die Erde. „Du Frau, hast Du was verloren?“ Najiba hob den Blick und sah einen kleinen, dünnen Jungen mit einer leichten Lederschürze und einem rußigen alten Lappen in der Hand. Seine braunen, kurzgeschorenen Krausen locken passten zu den dunkelbraunen Augen, der schlanken Nase und dem schmalen Mund. Alles an ihm war dünn. Und bleich. Er wirkte kränklich. Selbst die Stimme des Jungen zitterte leicht. „Ich suche nach Spuren. Ein großer weißer Wolf hat uns angegriffen und ich will seine Fährte finden und ihm folgen.“ Der Junge dreht sich um und rief: „Papa, die Frau sucht die beiden Hunde!“ Der kräftige Schmied, der so ganz das Gegenteil von seinem Sohn war, kam langsam näher. „Es sind Wölfe, Konram, Wölfe. Keine Hunde!“ Najiba erhob sich: „Ihr kennt diese Tiere?“ Der Mann schüttelte den Kopf: „Richtig kenn‘, tu‘ ich‘s nicht. Sin‘ mit der Kriegerin gekommen. Streifen durchs Dorf und in der Gegend ´rum. Hab ein paar Brocken Fleisch hingeworfen. Hat‘s nicht interessiert. Der eine hat mich angeschaut. Pechschwarz. Hüfthoch. Ich schwör‘s Euch, hab seine Augen g’sehen. Der hätt‘ reden könn‘.“ „Haben sie jemanden angefallen, ein Tier gerissen?“ wollte Najiba weiter wissen. Wieder ein Kopfschütteln: „Hab nichts gehört. Der Weiße is‘ mir nicht heimlich. Hab‘n aber nichts angegriff’n!“ Der dünne Junge zupfte an der schweren, ledernen Schürze seines Vaters. „Ach doch. Die Frau hat die Tiere auf Wegelagerer gehetzt. Hab’s nicht g’sehn. Aber Nurbart hat‘s erzählt. `s war Recht.“ Als ober er sich seine letzten Worte selber bestätigen wollte, nickte der Mann mehrmals hintereinander. „Frau hat auch Nurbart g’rettet. Hätt‘ sonst Schwert im Bauch. Hab’s nicht g’sehn. Aber Nurbart hat‘s erzählt.“ Der dünne Junge krabbelte mittlerweile auf dem Boden und suchte scheinbar Spuren. Wenn dort etwas zu entdecken gewesen wäre, jetzt nicht mehr. Najiba wagte eine letzte Frage: „Ihr wisst nicht zufällig, wo die Wölfe jetzt grade sind?“ Der Mann nickt einmal langsam und deutete mit ausgestrecktem Arm und dem Hammer in seiner Hand auf ein Feld. „Sind alle da drin‘. Erst is‘ der Weiße da rein g’rannt, dann Buck, dann die Frau und als letztes der Schwarze. Wollt ihr da jetzt auch rein?“ Najiba schaute sich um. Das kleine Getreidefeld lag ein Stück westlich von Franzibians Hütte. Von hier war außer einer hohen, mächtigen Eiche im Feld nichts zu sehen.
Buck beruhigte sich langsam. Das große schwarze Tier presste seinen Kopf immer wieder sanft in seine Seite, leckte seine Hand und die Tränen aus seinem Gesicht. Bucks große, fleischige Hände kraulten das drahtige, feste Fell. Nach einiger Zeit traute sich der Bursche seine Augen einen kleinen Spalt zu öffnen. Es sah das schief gestellte, neugierige Gesicht eines Wolfes mit Augen, die Geschichten erzählten. Er sah weiße, lange Fänge, die andere Geschichten erzählten. Er spürte Wärme, Trost und eine unheimliche Ruhe. Er hörte das leise Tapsen der Pfoten, als der Wolf ein paar Schritte zurück wich. Buck sah ein königsblaues, seidenes Taschentuch, das ihm eine vornehme Hand mit einem Ring am Finger mit einem winzigen, aber strahlenden dunkelblauen Stein, hinhielt. Er roch den Duft von Veilchen. Er roch den Duft von Schwefel. Buck erstarrte. Buck hatte Angst. Aber Buck lief nicht weg. Der schwarze Wolf kam wieder näher, schnappte das Tuch mit seinem Maul aus der Hand der bösen Frau und hielt es Buck hin. Der Wolf war lieb. Der Wolf war Frieden. Buck nahm das Taschentuch und putzte geräuschvoll seine dicke, verstopfte Nase. Die Hand der bösen Frau fuhr durch Bucks struppiges Haare, kraulte ihn. „Du brauchst keine Angst zu haben. Die Göttin hat Dich gesegnet. Nur sehen es die wenigsten.“ Buck hob langsam den Kopf. Langes glänzendes schwarzes Haar, die kantigen Gesichtszüge, die blauen Augen unter den schwarzen dünnen Augenbrauen. Das war die Frau auf dem Hof, aber sie war jetzt anders. Buck war in seiner Denkweise einfach. Die einzige und wichtige Frage war: „Frau hat Pferd von Herrn Eregim getötet. Warum?“ Zorkana kniete sich in ihrer blauen Tunika neben Buck, strich ihm über die Wange und sagte: „Die Tiere sind Dir so wichtig! Du hast keine Ahnung von den Schrecken dieser Welt, von Königen, Kriegen und Monstern. Manchmal wünschte ich, ich könnte so sein wie Du.“ Buckverstand das nicht. Er wiederholte seine Frage. Zenia lächelte unmerklich. „Das Pferd hatte Gift in seinem Körper. Es hätte lange gelitten. Ich habe es von seinen Leiden befreit. Verstehst Du das?“ Buck verzog sein Gesicht zu einer unglücklichen Miene: „Alle sterben. Alle gehen. Buck traurig. Buck dumm. Was soll Buck tun.“ „Bleib hier sitzen. Dunkelstern passt auf Dich auf. Wir bekommen selten, was wir wirklich wollen. Aber für Deine kleine Welt wird sich Gutes ergeben.“ Mit diesen Worten stand die Frau auf und ging zurück Richtung Dorf. Buck hörte sie im Feld „Sonnenschein“ rufen. Ihre Stimme war nicht mehr sanft und nett. Sie war wieder wie Donner und Blitz.
Brandur beäugte den Stein in der kleinen zierlichen Hand des Mädchens. Er war rund und flach. Vielleicht einen Daumen im Durchmesser und nicht mehr als einen sehr dünnen Finger dick. Die Oberfläche war extrem glatt. Der Stein glänzte in dem Licht, war aber undurchsichtig und wirkte im Inneren matt. Der Zwerg hatte das Gefühl, er könne ein Stück in den Stein schauen und dann wurde es dunkel. Brandur tippte mit dem Finger einmal auf den Stein. Nach ein paar Sekunden des Wartens nahm er ihn Aera aus der Hand. Er hielt in direkt in das Licht des Fensters. Keine Einschlüsse, aber mehr sehen konnte er nicht. Sein dicker Daumen fuhr sorgsam über die Oberfläche, inspizierte die glatten runden Kanten, versuchte vergebens, eine Unebenheit, eine kleine Rille oder einen anderen Makel der Oberfläche zu erspüren. Höchst konzentriert murmelte Brandur vor sich hin, strich sich mechanisch durch den dichten Bart. Was war das für ein Stein? Kein Juwel aus den Bergen, das war sicher. Aber auch keiner der üblichen Katzensteine, die man gerne Kinder schenkte oder für gutes Geld einen Händler andrehte. Brandur fingerte mit einer Hand an einem Beutel herum, mit der anderen war die junge Heilerin noch beschäftigt, holte kleines Werkzeug heraus: Einen winzigen Hammer, eine kleine Pinzette, eine kurze Stabfeile und einen metallenen Zahnstocher. Der Zahnstocher wanderte mit gerunzelter Stirn zurück in einen anderen Beutel. Sorgfältig wurde der Stein nun einhändig vermessen, gebissen, geklopft und weiter untersucht.
Aera versorgte den Arm des Zwergs fachmännisch weiter. Es war schwierig, den unruhigen, mit dem Stein beschäftigten Zwerg zu behandeln. Aber er hatte offenbar jeglichen Schmerz vergessen, so besessen arbeitet er an einer Analyse. Es dauerte eine Weile bis der Arm zu ihrer Zufriedenheit verbunden, geschient und in einer anständigen Armschlinge lag. Als sie fertig war, schaute sie zur Elfin, deren Aufmerksamkeit ebenfalls von dem Stein gefesselt schien. Sie bemerkte, wie die Hand von Charie unbewusst in einer Tasche mit etwas spielte. Aera hätte sie gerne gefragt, aber sie traute sich nicht. Still stand sie neben den beiden am Tisch und wartete. Ihr Blick wanderte schüchtern zwischen diesen beiden so fremdartigen, doch faszinierenden Wesen hin und her.
Charie war sich ihrer Hände sehr wohl bewusst. Sie hielt den kleinen Stein zwischen ihren Fingern in ihrer Tasche und fuhr über seine Oberfläche. Die Steine waren sehr ähnlich. Größe, Form, Beschaffenheit, Farbe, alles passte. Ihr Fundstück auf dem Weg zum Dorf war ein wenig kleiner, eine Nuance dunkler, ein bisschen ovaler. Mit ihrer natürlichen Begabung der Magie fokussierte sie den Stein auf dem Tisch, flüsterte kaum hörbar ein paar Worte und wurde nicht enttäuscht. Der Stein barg Magie. Vor ihren Augen, nur für sie sichtbar, leuchtete er für ein paar Sekunden in einem schwachen rötlichen Schimmer. Sie hob den Kopf und sprach die Heilerin sanft an: „Aera, darf ich fragen, woher habt ihr diesen Stein? Er scheint, Brandurs Eifer nach, eine echte Besonderheit zu sein!“ Brandur murmelte „Zu früh. Kann ich noch nicht sagen. Das hier ist…“ Der Rest verschwand brummelnd in seinem Bart. Aera blickte wie gebannt in Charies bezauberndes Gesicht. Sie zögerte. Es war ihr unangenehm. Es war irgendwie privat. Und diese Elfin war keine Vertraute. Trotzdem war ihre Gegenwart angenehm beruhigend. „Ich habe ihn von meinem Ziehvater, von Franzibian. Er gab ihn mir eines Abends, sagte es sei ein Spiegel unserer selbst, wenn wir nur tief hineinblicken könnten. Es ist das letzte Geschenk, was ich von ihm bekam. Der Stein bedeutet mir unheimlich viel. Egal ob er wertvoll ist oder nicht.“ Aera hielt überrascht in ihrer Bewegung inne, wiederstand dem Impuls den Stein schnell vom Tisch zu nehmen und wegzulaufen. Charies Augen lächelten in einem warmen Glanz. In einer runden, fließenden Bewegung streckte sie den Arm aus, öffnete vor Aera ihre geschlossene Hand und zeigte ihren Stein. „Den habe ich auf dem Weg zum Dorf gefunden. An der Stelle, an der Brandur dem Stier entgegengetreten ist.“ Brandur donnerte laut: „Ich stand nur mit dem falschen Fuß vorne. Hätte seinen Schädel mit meinem Schild eindrücken können.“ Seine gesunde Faust krachte auf den Tisch. Charie sprach unbeeindruckt weiter: „Weißt Du, ob es noch mehr Steine wie diese gibt?“ Aera nickte, eindeutig eingeschüchtert von dem Zornesausbruch des Zwerges. Einige von uns haben solche Steine. Hauptsächlich die Kinder. Aeras Wangen röteten sich ein wenig, als ihr die mögliche Deutung ihrer Antwort klar wurde. Schnell redete sie weiter: „Die Bardin im Dorf, Edda, sie erzählt wunderbare Geschichten von anderen Welten und Wesen. So wir ihr.“ Aera wurde noch röter. „Manchmal, wenn eines der Kinder eine Erzählung besonders schön fand, mit Träumen in den Augen, wie Edda dann sagte, hat sie ihm einen dieser dunkelgrünen Steine geschenkt. Traumsteine der Erinnerung nannte sie sie. Wie Franzibian den Stein bekommen hatte, weiß ich nicht, aber er hatte ihre Geschichten und Lieder geliebt.“ Aera blickte durcheinander und traurig zu Boden. Brandur hielt den Stein in seiner Hand und blickte das Mädchen an: „Nicht traurig sein Kleine, Dein Vater ist an einem guten Ort wo gute Menschen wandern, wenn sie der Gott des Schlafes holt. Da bin ich sicher.“ Er tätschelte ihre Schulter und widmete sich wieder dem Stein. Charie legte bei der vollkommen unerwarteten Reaktion des Zwerges den Kopf minimal zur Seite. Aera kullerte eine Träne die Wange hinunter. Rasch wischte sie sich über das Gesicht und fragte Brandur: „Was ist das für ein Stein, Herr Zwerg?“ Brandur kratze sich am Kopf. „Beim Barten meiner Mutter, ich habe keine Ahnung. Kein Juwel, kein Schmuckstein, kein Bergstein, aber fest wie ein Juwel, bunt wie ein Schmuckstein und es ist ein Stein.“ „Und er ist magisch“, ergänzte Charie. Brandurs Hand zuckte in die Höhe und der Stein landete polternd auf dem Tisch. Alle drei starrten auf den dunkelgrünen Stein.
Leomar löste sich von diesen wahnsinnig schönen Augen. Er räusperte sich. Er räusperte sich noch einmal. „Hab ich Euch gesucht? Ähm. In der Tat. Irgendwie schon. Wollt ihr vielleicht, meine Dame, einen Blick auf diese Karte werfen und mir sagen, ob ihr dort Hinweise auf diese höchst rätselhaften Vorkommnisse entdecken könntet?“ Seylina hob die Hand und hielt sie Leomar hin. Leomar blickte auf die schlanke Hand, die eleganten, feingliedrigen Finger, die sauberen, perfekt gerundeten Fingernägel, die feine makellose Haut. Die Elfin zog die Hand wieder zurück. „Wie soll ich, werter Herr, die Karte studieren, wenn ihr mir sie nicht zeigen wollt?“ „Die Karte, welche Karte? Ach die Karte!“ Leomar räusperte sich. Mit der Andeutung einer kleinen Verbeugung reichte er der Waldelfin das Stück Pergament auf dem Holz. Seylina nahm es scheinbar emotionslos entgegen, überflog es ein paar Herzschläge lang und gab es dem Magier zurück. „Vielleicht wäre es das Klügste, nördlich des Dorfes zum Fluss zu gehen und dann dem Flusslauf zu folgen. Wenn der Ursprung der Krankheit im Wasser liegt, sollte es uns zum richtigen Ort führen. Wenn wir unser Wissen bündeln, kommen wir vielleicht weiter.“ Lemoar nickte. Diese Stimme, wie Vogelsang, klang sie in seinen Ohren. Was für ein Geschöpf. Wissen bündeln klang gut. Sehr gerne würde er Seylinas Hilfe in Anspruch nehmen. Die Idee dem Fluss aufwärts zu folgen war brillant und hätte von ihm sein können. Vermutlich wurden die Brunnen auf den Feldern ja ebenfalls vom Fluss gespeist. In Leomars Kopf begann es zu Arbeiten. Er wollte zuerst Vorschlagen auf dem Weg nach Norden doch zunächst einmal in der südlichen Heimstätte des Heilers vorbei zu schauen und nach Franzibians Notizbuch zu fragen. Da die zeitliche Einordnung der Ereignisse jedoch völlig unabhängig von ihrer Örtlichkeit war, könnte es nicht schaden, erst alleine mit der Elfe nach Norden zu gehen. So ergäbe sich zu zweit die bessere Gelegenheit eines Gespräches. Andererseits könnte es natürlich sein, dass sie dabei auf den oder die Verursacher treffen würden und dann wären ein paar weitere Hände hilfreich. Um keinesfalls wie ein akademischer Feigling zu erscheinen, stimmte Leomar schließlich zu, dem Fluss zu seiner Quelle zu folgen. Was sollte ihm - also ihnen - auch schon passieren? Seylina blickte die ganze Zeit unbeweglich in seine Augen. Als sie das kleine Weiten seiner Pupillen sah, er hatte eine Entscheidung getroffen, fragte sie: „Könnt ihr reiten?“
Najiba ging einige Schritte ins schulterhohe Feld hinein. Die gelben, kräftig im Korn stehenden Pflanzen gaben ihr gut Deckung. Geräuschlos konnte sie sich nicht bewegen, die dicht stehenden Stängel raschelten bei jeder Bewegung. Dafür konnte sich auch ihr niemand heimlich nähern. Nach einiger Zeit hörte sie Stimmen. Instinktiv kauerte sie sich auf ein Knie und lauschte. Sie erkannte die Stimme einer Frau. Sie unterhielt sich mit Jemand. Zu ihrem Bedauern konnte sie die andere Person nicht hören. Der Tonfall der Frau klang wütend. Sie schimpfte. Es ging um einen Angriff, um Aggression und um enttäuschtes Vertrauen. Najiba verstand nur einzelne Fetzen. Der Wind wehte immer wieder die meisten Worte fort. Die Waldläuferin schlich näher. Langsam, vorsichtig, aufs Äußerste konzentriert. „Ich werde Dir nicht jedes Mal den Hals retten können, wenn Du Deine Wut nicht unter Kontrolle hältst.“ Eine kurze Pause. „Du hasst Menschen, ich weiß. Aber Du musst unterscheiden. Jeder trägt seine Schatten in sich, dass heißt aber nicht, jeder ist böse.“ Erneut Stille. „Ich bin böse? Ja, dass bin ich. Auf die Welt, auf das Schicksal, auf dieses blöde Dorf, welches uns aufhält. Und ja – oh ja – ich habe eine starke böse Seite in mir. Wir sind uns sehr ähnlich. Aber ich trage auch die andere Seite in mir, wie Dunkelstern. Ich versuche sie zu kontrollieren, sie zu verwenden, wann immer die eine Seite mehr Nutzen bringt.“ Eine lange Pause. „Nein, ich kann Dir nicht sagen, wann ein Mensch gut oder böse ist. Vielleicht beobachtest Du erst einmal jemanden, bevor Du ihn angreifst. Der grobschlächtige Kerl an der Eiche zum Beispiel. Pass auf ihn auf und höre in sein Herz. Dann sag mir, was er Dir antut.“ Ein leises grollendes Knurren drang an Najibas Ohr. „Du bist beleidigt? Wegen dem Blitz? Hab ich Dich getroffen? Das nächste Mal, mein Kleiner, verseng ich Dir den Pelz.“ Das Knurren schwoll an, wurde bedrohlich. Najibas Muskulatur spannte sich. Sie war nah. Sicher nicht nah genug, um durch die Geräusche der Bewegung wahrgenommen zu werden, aber viel zu nah für die feine Nase eines Jägers. Eine Stimme donnerte durch das Feld: „Wage es nicht!“ Najiba traf die Stimme wie ein Schlag. Diese Kraft in der Stimme. Sie duldete keinen Widerspruch. Dieser Widerhall. Die Sekunden vergingen. Die Waldläuferin war allein. Sie schaute auf ihre Hände. Sie zitterten.
27.Eintrag
Buck lehnte mit dem Rücken an dem knorrigen Stamm der Eiche. Seine Beine lagen ausgestreckt im Gras. Er betrachtete den massiven Kopf des schwarzen Wolfes in seinem Schoss, kraulte ihn hinter den Ohren, schruppte mit seinen kräftigen Fingern durch sein kurzes, dichtes Fell. Ab und zu, wenn er aufhörte, griff das Tier mit seinen Zähnen vorsichtig, verspielt nach seinem Arm und forderte ihn auf weiterzumachen. Buck war ruhig. Plötzlich ruckte der Kopf des Wolfes nach oben, die Ohren spitz in eine Richtung gedreht. Es raschelte im Getreide. Ein weißer Kopf schob sich geduckt aus der Deckung. Die Schultermuskulatur angespannt, leise knurrend, das Fell gesträubt, einen Fuß wie in Zeitlupe vor den anderen setzend, verließ das Tier das Feld. Kam näher. Der große schwarze ließ seinen Kopf entspannt zurückfallen und leckte Bucks Arms. Buck beobachtete das wilde weiße Tier. Das Tier beobachtete ihn. Sie beide hatten Angst. Der Bursche wusste nicht, was er dem Wolf getan hatte, aber es tat ihm leid. Er liebte Tiere. Er entschuldigte sich auf seine einfach, kindliche Art. Der weiße Wolf legte den Kopf schief, als ob er ihm lausche. Buck redete. Erzählte von sich. Wie traurig er war. Was in den letzten Tagen schlimmes passiert war. Dass er Angst hatte. Dass er nicht wusste wohin. Vielleicht war er böse gewesen und deswegen ist die Natur nun böse. Der weiße Wolf legte sich drei Schritte von Buck entfernt hin, begann sein Fell zu lecken, ohne auch nur einen Wimpernschlag lang, den Menschen aus seiner Aufmerksamkeit zu entlassen. Der Schwarze forderte mit Nachdruck weitere Liebkosungen.
Najiba schritt vorsichtig auf die markante Eiche zu. Sie ragte weit über das Feld, wie ein Wahrzeichen. Man musste sie über Meilen hinweg auf diesem kleinen Hügel ausmachen können. Sie war hunderte von Jahren alt, trug eine gewaltige Blätterkrone und hätte viel erzählen können. Mache behaupteten, Elfen könnten mit Bäumen reden. Charie und Seylina hatten ihr auf diese Frage mit einem Lachen geantwortet. Sie kannte die Natur, sie war im Wald zu Hause und Bäume erzählten Geschichten. Nur nicht mit einer Stimme oder mit Gedanken. Man musste sie anschauen, ihre Wurzeln, ihre Rinde, die Haltung, das Farbenspiel der Blätter, den Wuchs des Mooses, ihren Duft wahrnehmen. Und selbst wenn sich Elfen mit Bäumen unterhalten würden, wäre es eigenartiger als Menschen, die mit Wölfen reden. Diese Lady Zorkana war eigenartig. Sie war Najiba nicht geheuer. Aber sie konnte sie nicht einordnen. Die anderen würden im Dorf Antworten finden, sie wollte sich um diese Wölfe kümmern. Durch die Ähren schimmert grünes Gras und sie erkannte den Eichenstamm. Sie sah den Stallburschen von dem Gehöft, der sie ins Dorf begleitet hatte, an dem Baum lehnen und einen riesigen schwarzen Wolf kraulen. Nicht weit entfernt stand der Weiße, blickte in ihre Richtung. Sie kam mit dem Wind. Sie war auch eine Jägerin. Sie machte keinen Fehler zweimal. Ihre Hand bewegte sich zögernd langsam zu ihrem Schwertgriff. „Wage es nicht“ schlich sich in ihre Gedanken. Sie musste den Verstand verloren haben. Najiba ließ die Waffe stecken, richtete sich auf und ging die letzten Schritte aus dem Feld zur Eiche.
Leomar stutze kurz: „Reiten? Ich? Aber natürlich. Reiten ist uns Akademikern zwar nicht in die Wiege gelegt, aber ich möchte durchaus anmerken, dass ich mich ganz passabel auf dem Rücken eines Pferdes behaupten kann. Einst besaß ich ein Tier von solch enormer Launenhaftigkeit, dass ich es nach meiner Schwester nannte. Aber ich schweife ab. Also ja, ich kann reiten, wandle dieser Tage mangels eines reitbaren Gefährten jedoch zu Fuß auf den verschlungenen Pfaden der Göttin der Magie.“ Seylina musterte den Mann genauer. Er konnte sich auf wohl auf einem Pferd halten. Blieb die Frage nach einem Pferd. Bevor Leomar, der grade Luft holte, zu einem weiteren langen Satz ansetzen konnte, lächelte die Elfin ihn an, zeigte in die Richtung von Nurbarts Haus und bat Leomar, dort nach Reittieren zu fragen. „Ich gebe den anderen kurz Bescheid. Wir treffen uns am Nordostausgang des Dorfes.“ Seylina warf Leomar nach diesen Worten einen intensiven Blick zu, dreht sich um und eilte mit federnden Schritten davon. Der Magier fasste murmelnd zusammen: „Nach Pferden fragen. Treffen da vorne. Und Nurbart kann ich vom dem Plan in Kenntnis setzen. Passt!“. Mir Vorfreude auf das Kommende klopfte Leomar an Nurbarts Haus. Keine fünf Minuten später war es mit der Freude wieder vorbei. Der Dorfvorsteher hatte ihm erklärt, es gäbe in dem Dorf keine reitbaren Pferde mehr. Seine gute Stute hätte er zur Sicherheit zu seiner Nichte gegeben, die Esel vom Schmied seien gestorben, der Apfelschimmel von Lunigan sei mit seinem Herrn verschwunden und der braune Wallach von Franzibian hatte sich der Krämer Zoroll ausgeliehen, um in der Stadt nach Hilfe zu suchen. Die Händler Vilfinger, Fuchs und Pfaffi teilten sich ein riesiges Kaltblut, würden dafür aber bestimmt einen horrende Preis verlangen. Am Ende erinnerte sich der Dorfvorsteher noch an Lady Zorkanas Rappen. Leomar hatte nicht vor das dämonische Pferd dieser Dame zu reiten. Schweren Herzens folgte er der Straße zu den drei Häusern der Händler.
Seylina sah Boradin am Zaun sitzen und seine Axt mit einem Schleifstein, Tuch und einer kleinen Ölflasche pflegen. Mehr als ein kurzes Aufschauen brachte er ihr nicht entgegen. Sie kannte seine Zwergennatur mittlerweile gut genug und ließ ihn lieber in Ruhe. Da die Tür zu Franzibians Hütte nur angelehnt war. Konnte sie die Stimmen von Brandur, Aera und Charie deutlich vernehmen, dann ein Poltern von einem kleineren Gegenstand, der auf Holz fällt und plötzlich war es schlagartig still. Seylina hielt mitten in der Bewegung inne und lauschte. Brandur schnaufte laut, Aeras Kleid raschelte. Sonst nichts. Seylinas Sinne meldeten keine Aura, keine andere Person, keine Gefahr. Sie klopfte an der Tür, steckte den Kopf durch die schmale Öffnung und grüßte freundlich. Irgendwie hatte sie das Gefühl zu stören und so fragte sie kurz und knapp: „Will jemand mit die Flussläufe im Norden erkunden?“
Buck blickte auf und winkte ihr zu. Der schwarze Wolf würdigte sie nicht eines Blickes, drängte sich näher an den Burschen, um weiter Aufmerksamkeit zu erhaschen. Der weiße Wolf wirkte wie erstarrt. Mit minimalster Bewegung seines Kopfs fixierte er Najiba. Die Waldläuferin erkannte ihren Angreifer auf dem Platz sofort. Das Bild der Fänge wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht, hatte sich eingeprägt und wie viele solcher Tiere gab es schon? Wider ihren eigenen Instinktes ging die Waldläuferin behutsam in die Knie, schaute den Wolf nicht direkt an und fragte Buck mit leiser Stimme: „Alles in Ordnung bei Dir?“ Buck nickte und verzog leicht das Gesicht, als ihm eine ledrig feuchte Zunge über die Wange schlapperte. „Kennst Du diese Wölfe?“ Buck überlegte. „Sie folgen blauer, zorniger Dame. Der schwarze ist Dunkelstern. Der weiße ist Sonnenschein. Buck mag die beiden.“ „Und sie mögen Dich wohl auch“, meinte Najiba. Buck zog den Mund schief und antwortete auf seine langsam Art, nach jedem Wort eine kleine Pause: „Dunkelstern mag jeden. Sonnenschein mag niemanden.“ Najiba rückte jede Provokation vermeidend ein Stück näher zu Buck. „Aber sie tun Dir nichts!“ „Vielleicht mag Sonnenschein Buck ein bisschen“, murmelte Buck mehr zu sich selbst. „Mögen sie mich?“ hakte Najiba nach. Buck zuckte die Schultern. „Dunkelstern mag Dich. Er sagt Buck Du riechst nach Natur und Leben.“ Es entstand eine Pause. Buck wiegte den Kopf. „Sie sagt, Du riechst nach Töten. Buck glaubt, sie mag Dich nicht.“ Najiba musterte die Wölfe. Ein Rüde und eine Fähe also. „Sie reden mit Dir?“ Buck nickte: „Alle Tiere mit mir reden.“ Najiba überlegte, wie sie die Frage besser formulieren könnte. „Woher kennst Du ihre Namen?“ Buck schaute Najiba überrascht an. „Weiß nicht. Weiß es einfach.“ Der schwarze Wolf stand auf, trottete neben seinen Artgenossen, drückte seine Schnauze gegen dessen Hals und beide legten sich nebeneinander in das Gras, der eine mit einem kaum wahrnehmbaren Knurren, der anderen mit einem lauten, entspannten Ausschnaufen.
Leomar stand im Freien vor dem mittleren Haus der Händler. Von zwei Männern und einer Frau umringt befand er sich im Zentrum eines ausufernden Streites über Leihgebühren eines beweglichen Objektes an Personen hoher Stellung aber ohne Leumund. Leomar wäre aber nicht Leomar gewesen, wenn er nicht mit fachlich korrekten Argumenten und sachlich fundierten Theorien den einen oder anderen Standpunkt unterstützt oder wiederlegt hätte. Während er redete, wunderte er sich im Stillen, wie schnell die anderen beiden Händler zur Verhandlung hinzugekommen waren. Er hatte am mittleren Haus von Vilfinger geklopft, sich ordentlich vorgestellt und sein Anliegen vorgebracht. Noch während der vollständigen Präsentation seiner Person war die Dame Pfaffi aus dem nördlichen Haus geschlendert und hatte sich dazugesellt. Seit wann der Händler Fuchs mit von der Partie war, wusste Leomar nicht genau. Er war unvermittelt hinter ihm gestanden, als er sich über den ersten Preisvorschlag von 20 Dukaten pro Tag ein wenig brüskiert hatte. Nach harten Verhandlungen waren sie plötzlich bei 25 Dukaten angelangt und Leomar missfiel die tendenzielle Richtung. Nach seinen Erfahrungen während der Versammlung in Nurbarts Haus folgte der Magier nicht nur den verbalen Attacken, sondern auch den körperlichen Bewegungen. So entging ihm nicht, wie die kräftig gebaute Pfaffi ihre schwarzen halblangen Haare langsam zu einem Dutt steckte und hin und her pendelte, während der kleine, dünne, aber drahtige Vilfinger seine Hand immer öfter zu einer Faust ballte. Der Händler Fuchs mit seinen unverkennbar roten Haaren und Augenbrauen verriet sich durch das zunehmende Vibrieren seines langen Schnurrbarts.
Najiba lehnte sich neben Buck an den Stamm und fragte: „Die böse Frau aus dem Dorf war hier?“ Buck schüttelte heftig den Kopf. „Frau nicht böse. Frau zornig. Frau nett zu Buck. Frau hat Pferd tot gemacht. Aber Frau wollte gut sein. Frau ist …“ Buck suchte nach einem Wort. „Frau ist komisch.“ Als ob Sonnenschein dies bestätigten wollte, schnaufte sie laut und hob kurz die Rute. Najiba fand es irgendwie sympathisch, dass alle das gleiche dachten. „Was will Lady Zorkana hier?“ Buck machte große Augen: „Wer ist Lady Zor…dings?“ „Das ist der Name der komischen Frau.“, beantwortete die Waldläuferin Bucks Frage. Buck nickte, sagte aber nichts weiter. Najiba hob zu einer weiteren Frage an, aber Buck sagte plötzlich: „Dunkelstern sagt helfen. Sonnenschein sagt Rache.“ Dieses Mal wurden Najibas Augen größer: „Das haben sie Dir grade gesagt?“ Buck zog die breiten Schulter in die Höhe: „Was?“ Najiba seufzte. Das würde einige Zeit dauern. Sie schaute sich um. Die Blätter in der Eiche rauschten leicht im Wind. Eine Feldamsel trällerte ihr Lied. Über eine der mächtigen Wurzeln huschte eine gelb gepunktete Eidechse. Es wuchsen sogar essbare Pildonpilze neben ihr im Moos unter dem Baum. Es war ein guter Platz um eine Weile zu Rasten. Najiba fühlte die sie stützende Eiche, sog tief die klare Luft ein und entspannte.
Area schaute abwechselnd zu Charie und Brandur. Keiner äußerte sich zu der Frage. Aera war hin und her gerissen. Sie hatte hier zu tun. Der Zwerg war ihr Patient, seine Wunde musste weiter versorgt und beobachtet werden. Da konnte sie nicht einfach weggehen. Außerdem war der Stein ihres Ziehvaters angeblich magisch. Sie wollte unbedingt erfahren, welche Kräfte in ihm wohnten und woher er wirklich kam. Auf der anderen Seite war sie von den seltsamen Fremden fasziniert. Würde sie mitgehen, könnte sie die andere Elfin und den anderen Zwerg näher kennen lernen. Als Aera wieder zur Tür blickte, war Seylina verschwunden. Bei einem raschen Blick aus dem Fenster sah sie Boradin aufstehen, mit einem Griff seinen Kiefer prüfen und ausspucken. Seylina war weg, aber möglicher Weise könnte sie den Zwerg da draußen noch in ihre Obhut bringen. Der stapfte jedoch grade mit energischen Schritten zu den Häusern der Händler. Der Zwerg schien ihre Hilfe erstmal nicht zu brauchen. Schade. Ach sie war so durcheinander. Reisende, Zwerge. Elfen, Magie, … Ihr Stein. Sie beäugte den Stein. Sie brauchte einen kühlen Kopf, obwohl der, nach allem was heute passierte, eher rauchte. Franzibian hätte sich wie ein Kind gefreut, hätte er die Ehre gehabt, einen Zwergen und eine Elfin in seiner Hütte zu beherbergen, geschweige denn, einen von Ihnen zu behandeln. Oder hatte er schon einmal einen Zwerg behandelt? Aera schluckte. Sie konnte ihn nicht mehr fragen. Wen sollte sie überhaupt zukünftig etwas fragen, wenn sie nicht weiterwusste? Und nun auch noch das - ihr Stein war magisch! Wenn ihr jemand dabei weiterhelfen konnte, dann die beiden hier. „Herr Zwerg, ihr solltet nun ruhen. Und vielleicht könnten Euch auch noch ein oder zwei Schluck dabei helfen?“ Sie atmete tief durch, hob den Blick und schaute dem Zwerg tief in die Augen. „Davor hätte ich allerdings noch einen Vorschlag, was unseren Handel angeht.“ Sie blickte kurz in Charies Richtung, um eine eventuelle Reaktion der Elfin erhaschen zu können. „Eine Erweiterung, wenn ihr so wollt. Denn meinen Teil konnte ich noch nicht vollständig erfüllen. Euer Arm war doch stärker verletzt als auf den ersten Blick erkennbar. Er wird noch einige Tage versorgt werden müssen und wie ihr bemerkt habt, bin ich dabei nicht ungeschickt und in der ganzen Umgebung ist kein weiterer Heiler zu finden. Und ihr… ihr konntet ebenfalls noch nicht… ganz bestimmt… aufgrund des Gebräus das ich Euch gab…. also ihr konntet Euren Teil ebenfalls noch nicht gänzlich … erfüllen.“ Sie schaute zu Charie und nahm langsam und vorsichtig, so als ob sie in das erste Mal anfasste, ihren Stein in ihre Hände. Dann sprudelte es in Richtung Charie aus ihr heraus: „Was hat der Stein euch gezeigt? Was seht ihr? Warum habt ihr die Magie spüren können, auch wenn Ihr in gar nicht angefasst habt? Könntet ihr das auch mit den Steinen der anderen? Und Edda? Wie…“ sie brach abrupt ab, und merkte wie sie wieder errötete. Und noch etwas bemerkte sie: Fragen, die jenseits des Trauerns und Leidens waren, tauchten wieder in Ihrem Kopf auf. Wie vor Franzibians Tod, als noch alles in Ordnung war.
28.Eintrag
Leomar streckte sich zu voller Größe und legte viel Autorität, mit einem karrendem Unterton des Missfallens, in seine nächsten Worte: „Bei den Göttern! Über diesem Dorf schwebt ein Übel das Eure kleingeistigen Köpfe nicht zu erfassen in der Lage sind. Mag es auch Zeiten geben, in denen jeder für sich den Vorteil suchen muss, jetzt ist die Zeit der Gemeinschaft! Das Wirken der Götter hat mich auf verschlungenen Pfaden zu Euch geführt, an den Ort, an dem Not und Übel gedeihen. Und ihr wollt die beste Hilfe, die euch die Götter schicken, an ihrem Wirken hindern? Wenn ihr so weitermacht, dann gibt es keine Gelegenheit mehr, dass Geld, das ihr aus mir herauszuschlagen versucht, auch ausgeben. Ich gebe euch mein Wort, dass ihr den Zossen am Ende wiedersehen werdet.“ Pfaffis Augen wurden vor Empörung groß. „Hat der aufgeblasene Möchtegernakademiker grade unsere liebe Vanessa einen Zossen genannt?“ „Hat er. Und er hat uns als Kleingeister beschimpft, obwohl wir ihm schon Rabatt gegeben haben!“ brüllte Fuchs. Vilfinger erwiderte nichts. Er tänzelte mit einer blitzschnellen Bewegung an die Seite Leomars und donnerte einen rechten Hacken an Pfaffis Kinn. Diese taumelte benommen zurück. „Das wirst Du bereuen!“ zischte der untersetze Fuchs. Er rammt Leomar seine Schulter in die Rippen, dass diesem die Luft wegblieb. Pfaffi schüttelte den Kopf: „Was pfefferst Du mir eine rein?“ Vilfinger grinste sie wirr an: „Ich kann doch nicht diese halbe Portion schlagen!“ Pfaffis Augen wurden schmal. Ihr linker Arm schnellte nach vorne, blieb aber auf halber Strecke stehen. Vilfinger duckte sich umsonst. Die Händlerin dreht sich etwas, trat mit vollem Schwung Leomar in die Kniekehlen und ließ ihn unter dem Gewicht seines anderen Angreifers einknicken. Pfaffi nutze ihre Körperdrehung und traf den grade wieder hochkommenden Vielfinger mit der flachen Hand ihres rechten Armes mitten auf die Wange. Leomar reagiert im Fallen instinktiv, zeigte blitzschnell mit Zeige- und Mittelfingerfinger auf Fuchs und keuchte ein paar magische Worte, bevor er mit dem Rücken auf dem Boden aufschlug und abermals nach Luft schnappte. Der gewichtige Fuchs wollte Leomar eigentlich unter sich begraben, sah aber plötzlich nur noch Schwarz und versuchte es mit Glück. Er fand es nicht. Er krachte neben Leomar das Gesicht voran auf den harten, staubigen Boden. Pfaffi vergoldete keine Zeit, gab Leomar einen fiesen Tritt in die Seite. Dieser grub seine Hand in den Staub, schleuderte die Ladung in Pfaffis Gesicht und versuchte mit schmerzender Seite schnell auf die Beine zu kommen, während er seinen Stab in Richtung Vielfinger schleuderte. Fuchs rollte wie ein Irrer um sich schlagend nach rechts und links, erwischte Leomars Bein und brachte den Magier erneut ins Schwanken. Vielfinger stand auf einmal direkt vor Leomar, blickte ihn mit rollenden, wilden Augen an, holte aus, sein Blick wurde glasig und er kippte zur Seite. Hinter ihm stand Boradin mit der erhobenen flachen Seite seiner Axt. Leomar brachte sich mit zwei langen Schritten aus der Reichweite von dem am Boden wütenden Fuchs. Pfaffi rieb sich nach vorne gebeugt die Augen. Aus ihrem Mundwinkel tropfte Blut. Sie schwankte und brach ohne weitere Vorwarnung in sich zusammen. Boradin zuckte unschuldig mit den Schultern. Leomar klopfte sich die Robe sauber, holte mehrmals mit schmerzverzogener Miene Luft und eilte dann neben Pfaffi, die reglos am Boden lag. Blut quoll aus Mund und Nase. Ihr Atem ging stockend, stoßweise und ihre Haut war blass. Leomar hörte plötzlich Fuchs hinter sich wütend schreien, es folgte ein dumpfer Schlag, eine kurze Pause und Boradin knurrte: „Das hab ich gebraucht. Wenn Du mit der Dame fertig bist, der hier schläft jetzt auch!“ Plötzlich fing Paffis Körper an zu zucken.
Zorkana stand im Kornfeld. Alles lief vollkommen anders als geplant. In acht Tagen sollte sie Arkon Gideon in der Zitadelle treffen. Bereits jetzt war ein schneller, strenger Ritt notwendig, um dies zu schaffen. Diese Gruppe Reisender schienen sich um das Problem der Dörfler zu kümmern. Genau genommen war es ihr egal. Jeder hatte seine Probleme, jeder starb irgendwann. Viele, die es nicht verdienten, traf der Tod unbarmherzig früh. Andere, die man sich tot wünschte, lebten viel zu lang. Wäre dieser Stallbursche nicht, wäre sie längst unterwegs. Genau erklären konnte sie es sich selbst nicht. Sie war durcheinander. Dunkelstern und Sonnenschein verhielten sich ebenfalls merkwürdig. So viel Zorn hatte sie bei der Wölfin selten gespürt und Dunkelstern schien unendlich traurig. Sie fluchte. Was für ein Durcheinander. Da half nur eine grade Linie. Sich auf das wesentliche Ziel konzentrieren. Jemand wartete auf seinen Tod, jemand, der nicht viel zu lange leben würde.
Im Schutz des Baumes fühlte sich Buck sicher. Die Dame neben ihm hatte die Augen geschlossen. Sie schien zu schlafen. Die beiden Wölfe ruhten zu seinen Füßen. Es war friedlich, still, schön. Der Stallbursche atmete tief durch. Eine grüngelbe Raupe mit vielen dunklen buschigen Haaren lief über seine fleckige Lederhose. Er hielt den schwieligen Zeigefinger vor sie und sie kletterte hinauf. Vorsichtig setzte er das kleine Tier auf den Eichenstamm, den sie mit ihrer eigenen Geschwindigkeit nach oben erklomm. Auf der rissigen, gut getarnt, schimmerte der Umriss eines Nachtfalters, der die Tageszeit ruhte. Buck mochte den Tag und die Sonne. Das Leben blühte auf und alles war bunt und fröhlich. Die Nacht mochte er auch. Die Stille, die Ruhe und das viele Leben, welches sich im Verborgenen tummelte. Buck bewunderte staunend die Linien und Schattierung im Flügel des Falters. „Buck“, fragte Najiba leise, „können die Wölfe dir sagen, woher Lady Zorkana kommt?“ Buck überlegt nicht lange, da sich die Worte irgendwie von selbst formten und über seine Lippen kamen: „Sie kommt aus dem Tal des Wanderers und ist auf dem Weg zum Roten.“ Najiba nahm die Antwort ohne Verwunderung auf. Buck und die Wölfe waren eine Chance, mehr über Lady Zorkana zu erfahren. Warum der Bursche mit den Raubtieren reden konnte, war ein Rätsel für sich. Wahrscheinlich kommunizierten die beiden Wölfe auch eher über Buck. Was bedeutet, sie verstanden ihre Worte. Aber sie antworteten mit Bucks Stimme und seinem einfach Verstand. Nein, nein. Das war der falsche Ansatz. Es waren Tiere. Wesen mit einigen magischen Fähigkeiten, aber es blieben Kreaturen mit einer anderen Art von Wahrnehmung und Sein. Instinkt, Gefühle, Triebe herrschten über Logik und Verstand. Buck war ein Bindeglied. Najiba öffnete all ihre Sinne der sie umgebenden Natur, lauschte den Tönen der Vögel, Grillen und Bienen, dem Rauschen des Kornfeldes, spürte die leichte Brise, roch frisches Moos, alte Eicheln, einen leichten Duft von Stall. „Es ist schön hier, Buck“. Buck nickte ohne es zu merken. „Hast Du Durst?“ Buck fühlte seinen trockenen Mund, legte sich über seine Lippen. „Ich habe auch Durst. Wo könnten wir sauberes und frisches Wasser finden?“ Buck blickte zu Boden und überlegte lang. „Wasser im Dorf ist vielleicht gut. Im Süden macht Wasser krank. Buck weiß nicht mehr wo gutes Wasser ist.“ Najiba hielt die Augen nach wie vor geschlossen, versuchte deutlich ihre Worte zu denken, klar zu formulieren und ihren Durst zu fühlen. „Wo würden die beiden Wölfe trinken?“, wollte sie wissen. Buck blickte zu den Tieren. Der weiße Wolf lag mit seinem mächtigen Kopf auf seinen ausgestreckten Vorderläufen und spielte mit seinen Ohren. Er ließ Najiba nicht aus den Augen. Der schwarze lag auf der Seite, alle viere ausgestreckt und lies sich die Sonne auf seinen Bauch scheinen. Die Umgebung schien er vergessen zu haben. „Sonnenschein würde im Norden im Wald jagen. Sie wittert junges Wild. Dunkelstern ist faul. Er würde das Wasser aus Deiner Feldflasche nehmen.“ Najibas Magen knurrte. Verdammt. Das war das falsche Gefühl. Witterung und Spürsinn. Die Waldläuferin rief sich Bilder von Flüssen in Erinnerung, konzentrierte sich auf ihren Durst. Buck leckte sich erneut die Lippen. Sonnenschein schleckte sich die Lefzen und hechelte. „Sie trinken, wo sie Wasser finden. Hier gibt es überall Wasser“, murmelte Buck. Er schüttelte den Kopf, „Nein, nicht überall trinken. Ihr sterbt sonst. Wie die kleine Lydia.“ Dunkelstern hob seinen Kopf. Sonnenschein schloss mit einem schnappenden Geräusch das Maul. Najiba richtete das erste Mal ihre Worte direkt an die Wölfe: „Buck hat recht. Das Wasser an manchen Stellen bringt den Tod“. Sonnenschein legte den Kopf schief. Najiba verstand es im selben Augenblick. Als hätte es ihr jemand eingeflüstert. Das Verdorbene im Wasser war nicht wahrnehmbar. Nicht einmal für die Tiere. Der Stier war ein Beweis. Das Pferd auf dem Hof der Corridons. Normalerweise würden Tiere kein verdorbenes Wasser trinken, wenn das Gift irgendwie wahrzunehmen war. Wer oder was hatte hier Böses im Schilde? Böses. „Gibt es einen Ort, den ihr meiden würdet?“ Buck schaute sie fragend an. Dunkelstern legte den Kopf zurück auf den Boden. Sonnenschein funkelte sie an. „Lady Zorkana?“, fragte Najiba verwundert. Sie war wieder im alten Muster. Reine Worte waren trügerisch. Die Walläuferin dachte an eine ihrer schlimmsten Erlebnisse, die ihr Angst gemacht hatten, bei denen sie um ihr Leben gefürchtet hatte. Die Gefühle von damals kamen schnell, sie steckten in ihren Knochen, würden sie für immer begleiten. „Wo ist es nicht gut für Buck?“, fragte sie mit diesem Gefühl. Die Wölfin knurrte, zog ihre Lefzen zurück und zeigte drohend ihr Gebiss. Dunkelstern zuckte zusammen, sprang auf, stieß ein kurzes wölfisches Heulen aus und trabte zu Buck. Der Kerl stand todesbleich, zitternd, mit wackligen Knien an den Baumstamm gelehnt, als hätte er dem Tod selbst ins Angesicht geblickt.
Seylina machte sich wenig Gedanken über die karge Reaktion der Mitreisenden in der Hütte. Sie war Waldelfin, gewöhnt allein und in aller Stille durch die Lande zu streichen. In gewisser Weise war es ihr sogar Recht. Sie brauchte Abstand und Ruhe, ein wenig Luftholen ohne all die Menschen. Wenige Minuten später gesellte sie sich zu Leomar und Boradin. Die Händler Vielfinger und Fuchs stützten sich auf wackligen Beinen gegenseitig, während Boradin sie mit seiner zweischneidigen Axt in Schach hielt. Leomar kniete neben Pfaffi, deren Körper leicht zuckte und bebte. Blut sickerte aus ihrer Nase. Ihre Haut war fahl und bleich. Seylina gesellte sich neben den Magier. „Nicht Eure Tat nehme ich an?“ Leomar schüttelte entrüstet den Kopf: „Ich habe mich nur verteidigen wollen, aber die Dame habe ich nicht einmal attackiert. Sie brach von allein zusammen.“ Seylina berührte die Stirn der am Boden liegenden Frau. Die Zuckungen ließen nach. Ihre Mund öffnete sich leicht und entließ ein Stöhnen. Seylina blickte Leomar direkt in die Augen. „Wir sollten diesen Fluch so schnell wie möglich beenden. Lasst uns gehen!“ Leomar flüsterte: „Sicher, gern.“ Er räusperte sich. „Moment. Wir müssen die Frau zu einem Heiler bringen.“ Seylinas durchdringender, klarer Blick löste sich keine Sekunde von Leomar. „Sie wird die nächsten Stunden überleben“, stellte sie fest. Durch den Kopf des Magiers sausten Gedanken: Lag in dem Blick Magie? Wollte sie ihn beeinflussen? Hatte sie die Dame geheilt? Sicher hatte sie das. Hatten alle Elfen solche Augen? Brauchte es da Magie? Zuckungen in einer Ohnmacht sind nicht gut. „Bei den Göttern, wir können sie kaum auf der Straße liegen lassen“, erwiderte Leomar. „Och, lass das meine Sorge sein, Herr Magier!“, erscholl die tiefe Stimme des Zwerges. „Die beiden Männlein sind im Haus verstaut und ich werde die tobsüchtige Dame zur kleinen Heilerin schleifen. Den Weg kenne ich mittlerweile ganz gut. Ich mach das!“ Leomar nickte widerstrebend Boradin zu. Seine Neugier auf die Bekanntschaft mit Seylina überwog letztendlich über den Zustand der Frau, die ihm unrühmlicher Weise vor kurzem ein paar Schläge verpasst hatte. Seylina ging ohne ein weiteres Wort ein paar Schritte, dreht sich kurz um, warf ein „Kommt“ zu Leomar und lief weiter. Sie war schnell. Leomar eilte hinter ihr her. Boradin schaute den beiden hinterher, murmelte in seinen Bart, lachte, hielt sich daraufhin seine geschwollene Wange, packte ein Bein von Pfaffi und stapfte zu Franzibians Hütte.
Najiba legte sanft eine Hand auf Bucks Schulter. Dunkelstern drückte seine Flanke an die Seite des Burschen. Die Waldläuferin hatte ein Auge auf Sonnenschein. Ein befürchteter Angriff blieb aus. Der weiße Wolf knurrte weiter, das Fell gesträubt, die Zähne entblößt, jedoch galt dies nicht Najiba. Zumindest nicht direkt. Najiba sprach sanft mit Buck, erklärte ihm, der böse, riesige Troll hatte sie nicht gefressen, sondern war in letzter Sekunden von einem Pfeil im Auge außer Gefecht gesetzt worden und wäre später im Sumpf versunken. Die schreckliche Gefahr war vorbei. Und das alles war vor Jahren passiert. Buck verstand nur die Hälfte, beruhigte sich dennoch langsam. Dunkelstern leckte Bucks Hand. Buck streichelte den mächtigen Kopf des Wolfes. Najiba spürte eine wohlige Welle von Ruhe und Sanftmut. Dieses Tier war beeindruckend. Plötzlich spürte Najiba eine feuchte Nase an ihrer Hand. Sie zuckte innerlich kurz zusammen. Der Weiße war wie ein Geist urplötzlich neben ihr, hatte sie berühren können, ohne das Najiba eine Bewegung bemerkt hatte. Das passierte ihr nie. Bucks Hand wollte über Sonnenscheins Kopf streichen, hielt kurz vor dem Kontakt inne und er zog seine Hand zurück. „Sie meint, Ort, wo Buck nicht hin soll, im Nordosten, Bäume, Wasserfläche, Tod!“ Buck schluckte. „Buck will nach Hause.“
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Beilunker Reiter
05.02.2018