Dunkelwasser (4)
| Historica Gideon 11. Dekade der Zeit |
Schauplatz :
Farhain
29.Eintrag
„Geduld Aera, Geduld. Eines nach dem anderen“, beruhigte Charie die junge Heilerin. Vorsichtig legte sie ihr Fundstück, den zweiten grünen Stein, auf den Tisch. Leise elfische Worte webten eine Magie um den zweiten Stein und ließen auch ihn in einer für sie sichtbaren magischen Aura leuchten. Brandur blickte mit hängenden Mundwinkeln miesmutig auf den Tisch. „Lass mich raten: Magisch! Alle beide!“ Charie nickte. „Und was tun die verdammten Dinger? Die Leute verhexen?“, keifte er vor sich hin. „Ich habe keine Ahnung, Brandur. Magie erkennen ist eine Sache. Sie zu verstehen, eine andere. Ich bin wenig bewandert darin magische Fähigkeiten zu entschlüsseln. Wenn es eine natürliche Magie wäre, vielleicht könnte ich…“. „Pah“, fiel ihr Brandur ins Wort. „Als ob an Magie was Natürliches wäre. Trinken und danach Pinkeln müssen, das ist natürlich. Aber ein Stein, der rumzaubert, ist ein Fluch.“ Charie verengte die Augen ein wenig und der Bogen ihrer geschwungenen Augenbrauen verlor einen Tick an Rundung: „Habt ihr Zwerge keine magischen Gegenstände? Besondere Waffen oder Rüstungen? Was ist mit Tränken? Existieren nicht sogar Elementarzauberer unter Euch?“ Brandur schluckte laut und brummte: „Wir haben Waffen mit besonderen Fähigkeiten wie Härte oder Schärfe. Aber das ist Schmiedekunst, kein Hexenwerk. Heiltränke machen dick. Und Geoden sind krank im Kopf, die spinnen schlichtweg.“ Aera lauschte den beiden im Hintergrund. Ihr Lossprudeln von vorhin war ihr peinlich und jetzt traute sie sich nichts mehr zu sagen. Aera zuckte daher ein bisschen zusammen, als Charie sie ansprach: „Aera, wer im Dorf könnte noch einen Stein haben?“ Die Heilerin dachte kurz nach. Brandur grummelte weiter: “Ich hätte lieber mit Seylina mitgehen sollen. Aber die war so schnell wieder weg. Konnte nicht mal Luftholen für eine Antwort.“ Charies spitzte die Lippen: „Seylina ist da draußen im Wald schneller und sicherer unterwegs, als mit uns als Anhang. Zudem ist Dein Arm kaputt, Boradin hat eine dicke Backe, Najiba ist nicht da und mich interessieren die Steine viel mehr.“ „Kaputter Arm, der tut gar nicht weh. Könnte Bärenjagen damit!“ protestierte der Zwerg nicht ganz überzeugend. „Konram, der Sohn vom Schmied, könnte einen Stein haben. Er hat Edda oft zugehört.“, meldete sich Aera, um Charies Frage zu beantworten. „Und Tarnison Lunigan vielleicht. Er ist zwar kein Kind, aber er ist viel herumgekommen und hat Edda und ihrem Bruder immer wieder Dinge von seinen Reisen mitgebracht. Edda hat bestimmt viel von seinen Abenteuern in ihren Geschichten verwendet. Ob Kindern vom Eberund oder Kartag Gehöft Steine haben, weiß ich nicht. Aber Edda hat die kleine Lulu Ridder sehr gemocht. Sie hatte bestimmt einen Stein. Aber sie ist vor zwei Jahren gestorben. Franzibian meinte damals, ihr Herz war zu schwach. Ich könnte die Ridders fragen. Ich brauch sowieso neue Kräuter, die auf dem Weg dahin wachsen.“ Aera holte Luft. Das war eine lange Antwort gewesen. Charie griff ihren Stein, steckte ihn in eine kleine Tasche des Gewandes und klopfte Brandur auf die Schulter: „Auf, auf, alter Zwerg. Fragen wir beim Schmied, während Aera zu dem Hof läuft. Treffen wir uns hier wieder?“ Aera nickte, räumte in Windeseile alles an seinen korrekten Platz, schnappte sich einen größeren Lederbeutel, befestigte ein kleines Kräutermesser am Gürtel, schlüpfte in die festen Schuhe und eilte nach draußen. Brandur stand langsam vom Hocker auf: „Alt, meinst Du? Wenn ich die Kleine so wirbeln sehen, dann könnte ich mich alt fühlen.“ Charie schob den Zwerg mit den Worten nach draußen: “Wer von uns beiden älter ist, ist die Frage.“ Brandur öffneten den Mund und schloss ihn wieder. Er war bis jetzt immer davon ausgegangen, der Älteste hier zu sein, obwohl er wusste, wie alt Elfen werden konnten. Sollte dieses so jung aussehende Ding? Nein. Ganz sicher nicht. Bei seinem Barte. Niemals!
Lady Zorkana führte ihren schwarzen, gesattelten Rappen hinter Eddas Hütter hervor. Sie trug ihre schwarzblaue Lederrüstung mit den dunkelschimmernden Plattenteilen, schwere Stiefel, schwarze Handschuhe und einen breiten Gurt mit ein paar Beutelchen und zwei Dolchen. Ein prachtvolles Schwert in einer mit Steinen verzierten Lederscheide hing an ihrer rechten Seite. Das lange schwarze Haar war offen, fiel über ihre breiten Schultern und wurde von einem Stirnband aus ihrem Gesicht gehalten. Andere Farben als schwarz und blau lies die Rüstung nicht zu. Das leichte Gepäck hinter dem Sattel verriet wenig über den Inhalt. Eine gerollte Decke, zwei lange Packbeutel waren alles. Zorkana saß auf, tätschelte dem Pferd den Hals und trabte aus der Stadt hinaus. Wenige Minuten später holte sie Seylina und Leomar auf der Straße ein. Sie nickten den beiden zu und beschleunigte ihr Pferd. Kurz vor der Brücke über den Farbach, zügelte sie es wieder, blieb stehen, stellte sich in die Steigbügel und späte nach Norden. Von einem der großen Jolderhügeln kommend zählte sie auf der Straße zwei, vier, fünf Reiter im schnellen Galopp. Zenia holte einen faustgroßen Gegenstand aus einem Packbeutel, zog ihn auseinander und blickte durch ein kleines Fernrohr. Der vorderste Reiter schien vertraut. Diese Waldgrüne Farbe der Rüstung. Mit ihm hatte sie nicht gerechnet. Der Wahnsinn schien den Vogt übermannt zu haben, wenn er sich traute sich erneut blicken zu lassen. Er vermutete wahrscheinlich, sie wäre nicht mehr da. Oder er suchte sie. Egal. Dieses Übel konnte sie von dem Dorf fernhalten. Dieses musste nicht länger leben, als man es sich wünschte. Zorkana lächelte. Einfach, gradlinig, klar. Wie sollte sie dem Trupp entgegentreten. Zu Pferd erschien es ihr unklug. Ihr Hengst war zu kostbar, um ihn in so einer Situation ein Risiko auszusetzen. Zu Fuß waren fünf Reiter eine Herausforderung. Zenia schwenkte das Fernrohr leicht hin und her: Keine Garde, keine schweren Rüstungen, keine langen Waffen. Es war ein bunter Haufen. Ihre Augen leuchteten auf. Sie wendete das Pferd, galoppierte zurück, zügelte den Rappen scharf vor Seylina, sprang vom Pferd und reichte ihr die Zügel: „Könnt ihr bis heute Abend auf Schattentänzer aufpassen? Er ist bei Euch sicher in guten Händen. Ich hab eine Verabredung!“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und rannte die Straße wieder nach Norden.
Sonnenscheint stellte die Ohren auf, Dunkelsterns Kopf ruckte nach oben. Seite an Seite verschwanden sie im Feld, Seite an Seite jagten sie nach Norden dem Ruf folgenden, ein verschwimmender Schatten neben einem schimmernden Weiß.
Leomar blickte Zorkana überrumpelt nach, wie sie die Straße entlang eilte und hinter einer kleinen Kuppe aus dem Blickfeld verschwand. Warum will sie zu Fuß laufen, wenn sie ein Pferd hat? Zumal in Rüstung. Obwohl ihr das Gewicht und das Schwert an ihrer Seite beim Laufen wenig auszumachen schien. Wäre sie querfeldein verschwunden, hätte es noch Sinn gemacht, aber auf der Straße, in die Richtung aus der sie gekommen ist. „Werte Seylina, kennt ihr die Damen besser, dass sie uns ihr Pferd einfach so anvertraut?“ fragte er seinen Gedanken folgend. Die Elfin schüttelte den Kopf: „Nein, aber jetzt wir haben ein Pferd!“ Elfen denken pragmatisch, dachte Leomar. Das Pferd war ein Geschenk des Himmels. Und es würde sicher mehr über die Dame Zorkana verraten.
Leomar betrachtete den Rappen. Seine Augen hatten einen wachen Ausdruck. Es war aufmerksam, aber nicht unruhig. Das kurze Fell glänzte von besonderer Pflege und Gesundheit. Das Tier war muskulös, ohne übertrieben breit oder groß zu sein. Unterhals und Brust waren kräftig, aber nicht dick. Der Schweif war lang, die Mähne halblang offen, gebürstet und schien einen Tick heller zu sein, als das Tier selbst. Der Kopf war schwarz, keine Flecken, keine Blesse. Das Zaumzeug war Ledern und dunkelblau gefärbt. Selbst die Ringe und Trense schienen aus dunkelgraublauem Material. Der Sattel war weich, flach und leicht. Er erinnerte mehr an eine Decke mit Lederauflage. Es war keiner dieser schweren großen Reisesattel die weit an den Flanke des Pferdes nach unten hingen und man Ausrüstung befestigen konnte. Immerhin hatte er Steigbügel. Hinter dem Sattel lagen zwei lange Packbeutel quer über den Rücken, die am Sattel und Bauchgurt mit Lederriemen befestigt waren. Der eine Beutel war aus Leder wetterfest geölt und beinhaltete vermutlich die Kleidung der Dame. Der andere war aus teurem, feingewebtem hellgrauem Leinen. Anhand der kantigen Umrisse tippte der Magier auf eine längliche Schatulle und einen weiteren größeren Lederbeutel, der die üblichen Reiseutensilien wie Besteck, Becher, Schale, Waschzeug, Nadel, Faden und so weiter beinhaltete. Keiner der Behälter trug ein Zeichen, eine Inschrift, ein Siegel oder irgendetwas Hilfreiches. Unter den beiden Beuteln lag eine schwere dunkelgraue, fast schwarze Decke, die gut vor Kälte und schlechtem Wetter schützte. Zwischen der Decke lugte der Kopf eines flachen Wasserbeutels hervor. Alles war ordentlich und sauber verstaut. Leomars Augen wanderten erneut über das Tier, während Seylina sanft die Hand auf dessen Stirn legte und auf Elfisch mit ihm sprach. Das Tier schnaubte zufrieden. Niemand ritt so ein prachtvolles Tier ohne ein Brandzeichen oder ein Zeichen seiner Herkunft. Irgendwo musste etwas sein. Leomar ging um das Pferd herum. Kein Brandmahl auf Hüfte, Knie oder Flanke. Nichts in der Mähne eingeflochten. Seylinas Hände strichen den Hals entlang bis zum Wiederrist, griffen in das kurz kräftige Ende der Mähne und sie schwang sich mit einer einzigen Köperbewegung elegant in den Sattel. Ihre singende Stimme erklang: „Gefällt Euch Schattentänzer? Dann steigt mit auf. Es will uns beide tragen.“ Leomar sah zu der kerzengrade sitzenden Elfin nach oben: „Hat Euch das Tier das gesagt?“ Seylina lächelte leicht, hielt dem Mann eine Hand zum Aufsteigen entgegen und sagte: „Ja“. Leomar griff die Hand, schwang sich hinter das zierliche Wesen und sah nur noch blauschwarzes, samtenes, fließendes Haar von Seylina. Die Muskeln des Tieres spannten sich und der Rappen ging ein paar Schritte. Seylina legte die Hand auf seinen Hals und der Hengst fiel in einen leichten Trab. „Haltet Euch fest, Herr Leomar. Schattentänzer wird sehr schnell sein.“ Festhalten! Leomar hob die Arme, zögerte, murmelte eine Entschuldigung und legte seine Arme um den Körper der Elfin. Er beugte sich vor, verfolgt von dem schwarzen Meer ihrer Haare: „Was für eine Verabredung die Dame wohl haben mag?“ Seylina antwortet nicht. Der Rappen schoss urplötzlich in weit ausholendem Galopp über die Wiese nach Nordosten.
Die knapp drei Schritte breite Straße nach Norden bestand aus einem harten, gelbbraunen Erdboden durch den überall Steine unterschiedlichster Größe ragten. Gelegentlich wagte ein Büschel Gras auf dem Weg zu wachsen. Zenia fiel in einen leichten Dauerlauf und musterte die Umgebung. Rechter und linker Hand von kniehoher Wiese gesäumt, erstreckten sich nach Nordwesten kleinere Gemüsefelder, nach Nordosten wurde das Gras höher und ging in eine wilde Buschlandschaft über. Die Reiter würden die Straße von Nordwesten kommen. Deckung gab es keine. Nicht einmal ein Baum am Wegesrand. Der Boden neben der Straße war weich. In dem hohen Gras gab es unzählige Löcher und starke Ranken eines Bodenbedeckers verleiteten den Unaufmerksamen zum Stolpern. Die Brücke würde sie vor den Reitern nicht mehr erreichen. Somit war dieser Platz gar nicht so schlecht. Zenia blieb mitten auf die Straße stehen, zog ihr Schwert, legte es sich locker auf die rechte Schulter, kontrollierte ihren Atem, entspannte und wartete. Was wusste sie über den Vogt. Die Ländereien dieser Gegend waren recht zersplittert. Unter Graf Ludwig von Rotstamm dienten vielleicht drei oder vier Vögte. Der Graf war unbedeutend. Nicht einmal die ihm Vorstehende Baronin Maretha von Lilienblatt hatte politisches Gewicht. Der Tod eines Vogtes wäre durch ihren eigenen Rang mit einem guten Grund verhältnismäßig unproblematisch. Beleidigung vielleicht? Oder gar ein tätlicher Angriff? Die meisten Männer hatten immer wieder Probleme, wenn Frauen ihrer Art deutlich über ihnen standen. Im Grunde war es Zenia egal. Aber es würde auf die Dorfbewohner zurückfallen, was unnötig war. Sie seufzte. Ob sie wollte oder nicht, sie müsste zuerst mit diesem Idioten reden.
Boradin stand vor der Hütte mit der immer noch bewusstlosen Pfaffi im Schlepptau. Die Tür stand offen. Mit dem rechten Fuß schob er die Tür auf und rief ein „Hallo, ich bringe eine Verletzte! Hmm, eher eine Kranke! Eine Bewusstlose! Ach egal, was zum Heilmachen! Hallo?“. Boradin ließ das Bein der Händlerin auf den Boden plumpsen. “Hallo?” Er betrat die kleine Hütte und blickte sich um. „Zum trötenden Maulfrosch, die waren doch grade noch alle hier. Was soll ich jetzt mit der halben Portion kranker Mensch anfangen.“ Boradins Hand spielte mit einem seiner Bartzöpfe. Kurz entschlossen hob er Pfaffi vom Boden auf, brachte sie in die Hütte und legte sie auf zwergisch vorsichtige Art auf den Tisch. Gut sah die Frau wirklich nicht aus. Boradin lugte halbherzig im vorderen Teil des Gebäudes nach einem ihm bekannten Trank oder Kraut. Heilkunde hatte nie sein Interesse erweckt. Er konnte seine Wunden säubern und nähen, Heilkraut kauen und Heiltränke schlucken. Das reichte. Krankheiten waren üble Strafen der Götter und wurde ein Zwerg krank, starb er meist daran. Zum Glück waren die stämmigen Wesen mit einer enormen Robustheit gesegnet, warum er sich auch jetzt keine echten Sorgen über eine Ansteckungsgefahr machte. Dummer Weise half das im Moment weder ihm noch Pfaffi. „Ach Frau“, seufzte Boradin. „Und den Magier hab ich weggeschickt.“ Schnaufend zog sich der Zwerg an dem Tisch ein Stück nach oben und setzte sich Beine baumelnd an die Kante. „Wird schon bald jemand kommen.“ Sein Blick fiel auf die flach atmende, todesbleiche Pfaffi. „Singen hilft immer, Frau. Ich sing Euch was vor.“ So fing Boradin an, mit tiefer, mächtiger Stimme ein aufmunterndes Kriegslied zu schmettern.
Einige Minuten später konnte Zenia die Reiter auf der Straße mit bloßen Augen erkennen, bald war das Geräusch der Hufe auf dem harten Boden zu hören. Es war wahrhaftiger der Vogt von Waldfried mit zwei Begleitern. Zenia knurrte. Mindestens zwei seiner Schergen fehlten. Als die Berittenen in Hörweite waren, hob Zenia die behandschuhte Hand und rief mit lauter, kräftiger Stimme: „Die Götter zum Gruß. Haltet ein. Ich erbitte ein Gespräch.“ Zenia lächelte. Ihr Vater wäre für diese Wortwahl stolz gewesen. Ihre Mutter hätte sie ausgelacht. Der edle Waldfried zügelte wild, zwei Pferdelängen vor ihr sein Pferd. Der Kerl rechts von ihm war ein grobschlächtiger Krieger, dessen ungepflegte Rüstung mehr von seiner Statur zusammenhielt, als sie schützte. Er hatte Schwierigkeiten das unruhige Pferd hinter seinem Herren zum Stehen zu bringen. Seine Bewegungen waren langsam. Sein Blick war einfältig und leer, die blonden Haare wirr, der Vollbart ungepflegt. Der Morgenstern in seiner Hand stellte eine gefährliche Wuchtwaffe dar, die ihn sicherlich schnell in Probleme bringen würde. Die junge Frau zur Linken des Vogts war eine Jägerin. Sie trug gutes weiches dunkelbraunes Leder, Hose und Jacke figurbetont geschnitten, das Leder jedoch abgenutzt. Ein Jagdbogen hing über ihren Rücken, ein Kurzschwert und ein Köcher waren am Sattel eines stämmigen Waldpferdes befestigt, ein Langdolch steckte am Gürtel. Sie hatte keine Waffe gezogen. Ihr schmales Gesicht mit einer zierlichen Nase, braunen Augen, feinen Brauen und sorgsam zu einem Kranz geflochtenem, rotbraunen Haar wirkte unglücklich. Keines der Pferde war ein Schlachtross oder grundlegend für den Kampf ausgebildet. Zenias Blick wanderte zurück zum Edlen. Der Vogt hatte keine Zeit verloren. Er trug dieselbe leichte, mit viel unnützen Accessoires und Verzierungen ausgestattete waldgrüne Lederrüstung wie bei ihrem ersten Treffen. Sein graues, halblanges dünnes Haar klebte verschwitzt an seinem Gesicht. Sein bleiches Gesicht war gerötet, seine recht großen graugrünen Augen über einer dreieckigen Platten Nase waren zornig verengt und er musterte sie mit schmalen, zusammengepressten Lippen. „Ihr wagt es, mich auf meinem Weg aufzuhalten? Das werdet ihr bereuen.“ Zenia lächelte weiter, als würde sie den niedlichsten Welpen der Welt streicheln. „Werter Vogt, edler Waldfried. Verzeiht diese Belästigung. Ich erlaube mir, Euch in Eurer herrschaftlichen Gnade darum zu bitten, mir Gehör zu schenken. Nur für einen Augenblick.“ Zenia deutete eine leichte Verbeugung an. Die Jägerin musterte sie verwirrt, der Krieger blickte dumm auf sie herab, der Vogt lief rot an. „Zur Seite Frau oder ich reite Euch nieder.“ Mit freundlicher, weicher Stimme erwiderte Zenia: „Ihr wollte doch keinen politischen Zwischenfall erzeugen, in dem ihr mich, die Hochgeborene Lady Zenia Zorkana, Tocher von Ilda Urikan und Zaradon Zorkana mit einem schmutzigen Pferd niederreitet?“ Bei diesen Worten entfernte sie das einfarbige schwarze Lederstück, welches den glänzenden blauschwarzen Brustharnisch bedeckt hatte. Unverwechselbar prangte dort die weiße Burg auf dunkelblauem Grund über der auf der einen Seite ein goldener Krummsäbel und auf der anderen Seite ein silberner Stern abgebildet war. Der Vogt runzelte die Stirn, der Krieger schaute in die Ferne Landschaft, der Reiterin entfuhr ein Zischen, welches Zorkana aufmerken lies. Eine Jägerin mit Kenntnissen in Heraldik und Stand könnte hilfreich sein. „Was wollte ihr von mir?“ quetschte der Vogt mühsam zwischen seinen Lippen hervor. Zenia antwortete: „Euch von einer Tat abhalten, die ihr später bereuen würdet. Das Dorf hat ernste Probleme und der Stadtvorsteher hat mir versichert, alles in seiner Macht stehende zu tun, die Euch gebührende Zahlungen zu leisten, sobald die Gesundheit der Menschen wieder hergestellt ist. Wenn ihr das Dorf jetzt in seinem geschwächten Zustand bestraft, werdet ihr sicher überhaupt keine Abgaben mehr erhalten können.“ Ihre Worte verhallten ungehört. Der Vogt kniff seine Augen noch enger zusammen, musterte sie und lief dunkelrot an. „Ihr seid doch die Schlampe, die mich heute Morgen angegriffen hat.“ Zenias Lächeln wurde breit. Da war die Beleidigung, die sie brauchte. Eine Hochgeborene eine Schlampe zu nennen, gab ihr alle Mittel, diese Schmach zu bestrafen. Ruhig und freundlich erwiderte sie: „Werter Herr, ich habe des Morgens Euer Schwert aufgehalten, was mein Stand mir erlaubt und keinen Streich gegen Euch geführt. Und ihr wagt es mich dermaßen zu beleidigen? Dafür bring ich Euch vor ein fürstliches Gericht!“ „Nicht wirklich“, schoss es ihr durch den Kopf, „eher vor ein Göttliches!“ Wie erwartet zog der jähzornige Fürst sein Schwert mit der linken Hand und spornte sein Ross an. Der Krieger neben ihn wachte aus seiner Starre auf, orientierte sich und rang erneut mit seinem Pferd. Die Jägerin hielt ihres zurück. Zorkanas strenge Kampfausbildung schaltete sich ein. Instinkte, Kampfmuster und Reflexe übernahmen die Kontrolle. Was nicht bedeutete, dass sie ihr zauberhaftes Lächeln verlor. Dem Ansturm des Pferdes wich sie nach links aus und nahm dem Vogt somit die Möglichkeit eines gezielten Schwerthiebs. Der Krieger war viel zu langsam, um darauf zu reagieren. Der Jägerin gab sie allerdings eine empfindliche Blöße. Ohne es zu bereuen. Ungestraft wirbelte Zenia herum und brüllte aus Leibeskräften berserkerhaft auf die Pferde ein, die erschreckt scheuten. Der Krieger verlor bei seinem erschreckt steigendem Pferd vollends die Kontrolle und stürzte zu Boden. Die Jägerin brachte sich und ihr nervös tänzelndes Pferd rückwärts aus dem Gefahrenbereich. Der Vogt hatte sein Pferd hinter ihr gewendet, den Schwertarm nun auf der richtigen Seite. Es war so berechenbar. Zenia zog in der Drehung ihr Schwert in einem Schwung zur Parade nach oben. Der Angreifer zielte auf die glänzende Waffe, wollte sie ihr mit Wucht aus der Hand schlagen. Zenia verzichtete auf eine ungünstige Kraftprobe, ließ ihre Waffe im Moment des Aufpralls fallen, packte den Arm des Vogtes und zerrte daran mit aller Kraft. Hätte er sich besser unter Kontrolle gehabt und sein ohnehin schon nervöses Pferd besser reiten können, hätte er sie umgerissen. So aber zerrte sie ihn aus dem Sattel und beide stürzten zu Boden. Nach einer Rolle stand Zenia auf den Füßen. Ihr Gegner lag wie ein schlaffer Sack auf der Erde. Der Krieger hinter ihr brüllte.
Aera lief den kleinen Trampelpfad hinter der Hütte entlang. Ihr schwarzes Kopftuch flatterte im Wind. Die Straße zum Ridderhof wäre ein Umweg gewesen und zu Fuß konnte sie über die Felder abkürzen. Nach einigen Minuten wurde sie langsamer. Sie war ein wenig außer Puste. Warum rannte sie eigentlich. Alles war so aufregend. Die Gedanken in ihrem Kopf kreisten weiter und weiter. Was hatte der alte Ridder mit den Sachen seiner Tochter gemacht? Es hatte nach Lulus Tod keinen Nachwuchs mehr gegeben. Ob er die Dinge jemand anderem geschenkt hatte oder in einer großen, staubigen Kiste als Erinnerung aufbewahrte? Was hatte es mit den Steinen auf sich? Wo hatte Edda sie her? Waren die Steine für die Krankheit verantwortlich? Eher nicht. Die Steine gab es in dem Dorf schon seit Jahren ohne solche Todesfälle. Wahrscheinlich sogar länger, als sie selbst bei Franzibian war. Aera blieb stehen. Das stimmte nicht. Edda hatte am Anfang kleine Holzfiguren verschenkt. Eddas Bruder Ildorin hatte sie aus Holzresten geschnitzt. Vor allem die Tiere waren unheimlich toll gewesen. Sie hatte eine Katze auf dem schmalen Bord über ihrer Schlafstätte. Aera erinnerte sich ganz genau, wie Edda ihr die Katze als Willkommensgeschenk überreicht hatte. Ihr erster Tag im Dorf. Ihr erster Tag bei Franzibian. Aera seufzte. Aber die grünen Steine hatte Edda erst wie kleine Schätze verschenkt, als Ildorin gestorben war. Ob das wichtig war? Sie würde es auf jeden Fall der Elfe und dem Zwerg erzählen. Aera ging weiter. Sie orientierte sich an den Feuerdornbüschen am Rand der kleinen Ansammlung von Linden. Dort gab es eine alte, zerfallene Mauer mit vielen Pilzen, Beeren und Kräutern. Ein Schwarm kleiner Vögel saß im Busch und erfreute sich der kleinen roten Früchte. Mit protestierendem Gezwitscher und Flügelschlagen stob der Schwarm auseinander und beäugte die Heilerin von den unteren Zweigen der Bäume. Gelegentlich traute sich einer ein lautes Piep von sich zu geben. Aera ging in die Hocke, bog vorsichtig die dornigen unteren Äste des Busches zur Seite und suchte nach kleinen, beharrten Blättern des Persinkrautes. Sie hatten eingelegt in Sud eine gute desinfizierende Wirkung. Ein lautes Schnaufen erschreckt sie dermaßen, dass sie aus der Hocke zurückweichen wollte und nach hinten überfiel. Ein zweites Schnaufen, ein Brummen, ein Rascheln. Aera starrte auf die Stelle unter dem Busch. Das Rascheln wurde lauter. Ein schwarzes Igelgesicht schob sich aus altem Laub. Zwei kleine Augen blinzelten in dem Licht. Die spitze Nase wackelte prüfend in der Luft. Aera fuhr sich mit der Hand über die Wange. Sie war so aufgeregt, dass sogar ein Stachler sie erschrecken konnte. Sie rollte, verärgert über sich selbst, die Augen und wurde in die Höhe gerissen.
Zenia schossen ihre nächsten Aktionen blitzschnell durch den Kopf: Ein Schlag auf den Hals des Vogtes, eine geduckte Drehung, der Dolch, die Lücke unter dem Schwungarm der Rüstung des Kriegers und der Kampf wäre vorbei. „Lass gut sein Wardrimm!“ erklang die Stimme der Jägerin. Zenia hielt inne, erfasste die Umgebung: Keine Schritte, keine Bewegung, kein Angriff. Das Keuchen des Vogtes, Pferdeschnauben, schneller Herzschlag. Ihr Kopf ruckte herum. Der Krieger hielt seinen Morgenstern unschlüssig in der Hand und blickte wie ein nasser Hund zur jungen Frau auf dem Pferd. Sie schüttelte den Kopf. „Lass gut sein. Der Herr hat sein Anrecht auf Hilfe verwirkt. Ist zu Deinem Besseren, die Hochgeborene nicht anzugreifen.“ Wardrimm nahm die Worte wie ein Befehl. Er dreht sich um und ging ein wenig wankend auf sein abseits stehendes Pferd zu. Zenia hielt den Dolch bereits in den Händen. Ihr war nicht einmal bewusst, wann sie ihn gezogen hatte. Sie starrte auf den am Boden liegenden Waldfried. „Lasst bitte gut sein, Hochgeborene Zorkana. Der Herr ist seit Tagen schon rasend und nicht bei Sinnen. Wir werden ihn zu seiner Sicherheit nach Hause bringen und dort Verwahren.“ Zenia blickte skeptisch auf den Vogt: „Menschen wie er kennen nur sich selbst. Sie pressen und nehmen, bis nichts mehr da ist und kümmern sich keinen Deut um andere. Aber ihr sagt, der Jähzorn beherrscht ihn erst seit ein paar Tagen?“ Die junge Frau nickte: „Vor ein paar Tagen ging es los. Er kam von der Jagd aus dem Farhain und hatte sehr schlechte Laune. Er beschwerte sich übertrieben aggressiv beim mir, dass er weder Fuchs noch Eber hatte erlegen können. Von da an steigerte es sich täglich.“ Der Vogt stöhnte und versuchte sich aufzurichten. Der Sturz schien ihn einiges an Sinnen geraubt zu haben. Ein gezielter knapper Schlag mit der Faust raubte ihm endgültig das Bewusstsein. „Er ist sicher kein besonders guter Herr. Ja, er kümmert sich wenig um seine Untertanen. Aber man kann mit ihm leben! Ich bitte Euch, belasst es dabei. Er wird diesen Tag sicher nicht vergessen.“ Zenias Lächeln erstarb: „Doch, wird er. Aber da ihr ehrenhaft und ehrlich für ihn bittet, gebe ich ihn in Eure Hände. Ihr werdet es eines Tages bereuen. Aber dies ist Eure Sache. Haltet ihn am Schlafen. Wenn er Glück hat, überlebt er den Wahn.“ „Ihr wisst, was ihn befallen hat?“ erkundigte sich die Jägerin. „Nicht genau, aber die Tiere und Bewohner dieses Landes werden von etwas heimgesucht. Es könnte das Wasser dieser Gegend sein.“ Die Jägerin blickte besorgt auf Zorkana: „In Waldfried ist niemand sonst erkrankt und ich habe keine Kunde von seltsamen Vorfällen nördlich der Jolderhügel.“ Zenia nickte: „Trinkt kein Wasser aus dem Farbach und esst nichts, was aus dieser Gegend kommt.“ Die junge Frau schlug ein Bein über ihr dunkelgraues, kurzfelliges Waldpferd und sprang auf den Boden. Vorsichtig ging sie auf die Kriegerin zu, machte eine tiefe Verbeugung und sagte: „Ich, Sarah Waldhut, stehe in Eurer Schuld Hochgeborene! Habt Dank! Mögen die Götter uns verschonen!“ Zenia murmelte unhörbar: „Die Götter haben damit nichts zu tun.“ Laut sagte sie: „Ich denke, ich nehme ein Pferd als Entschuldigung des Vogtes. Doch habt keine Sorge werte Waldhut. Ihr habt zwar eindeutig das beste Reittier von den dreien, aber ich begnüge mich mit dem Tier des Edlen.“ Ohne weitere Worte steckte sie den Dolch zurück, packte den Vogt, hob ihn sich auf die Schulter, marschierte zu Wardrimms Pferd und warf den Körper auf den großen Braunen: „Der trägt Euch beide.“ Der Krieger schaute sie emotionslos an. Zorkana ignorierte ihn. Die Jägerin hatte die Waffen aufgesammelt und reichte Zenia das glänzende, kostbare Schwert ohne ihr in die Augen zu schauen. Zenia ergriff die Waffe, schob es in die verzierte blauschwarze Scheide, zog den Handschuh aus und streckte der Jägerin ihren Arm hin: „Vergesst diese Titel. Wir sollten uns auf Augenhöhe begegnen. Schlagt ein, Jägerin.“ Sarah blickte erschreckt auf. Die Blicke trafen sich. Es widersprach allen Regeln des Standes dieses Angebot anzunehmen. Allein diese Frau war anders. Hätte sie das Banner nicht erkannt und würde sie den Ruf der Familie Zorkana nicht kennen, sie würde zweifeln. Sicher es gab Gerüchte, dass die einzige Tochter einer Amazone und eines Magiers allein durch das Reich zog und mehr als seltsam war. Aber wer glaubte solchen Bardengeschichten. „Ihr seid wirklich die Baroness Zenia Zorkana?“, fragte Sarah mit äußerster Zurückhaltung. Zenia lachte herzlich: „Leibhaftig!“ Bevor die junge Frau sich versah, schnappte sich Zenia deren Arm drückte ihn zum Abschied, wie es Brauch unter Jägern war, schwang sich auf das Pferd des Vogtes und galoppierte davon, eine Hand zum Abschied erhoben.
„Schau was wir da haben, Erol! Ein kleines Mädchen!“ Aera hing, am Kragen gepackt, unglücklich in der Luft. Der baumlange, kräftige Kerl hielt sie ohne Mühe an einem Arm. Leider weit genug weg, dass ihre Tritte und Schläge ihn nicht erreichen konnten. Er trug fleckige, braune Leinenkleidung, roch nach Stall und hatte einen dicken Prügel in der anderen Hand. Sein bulliges Gesicht ohne Haare, mit dicken Lippen, einer großen knubbeligen Nase und triefenden geröteten Augen blickte unfreundlich auf Aera. Das junge Mädchen spuckte, ohne ihr Ziel zu treffen. „Ein netter Fang, Pordi. Nicht was der Vogt wollte, aber hübsch und jung“, kommentierte Erol. Er war elegant gekleidet: Teures weißes Leinenhemd, Weste und Hose aus weichen, hellbraunen Tapperleder, hohe Schaftstiefel, ein auffällig breiter Gürtel, an dem mehrere Beutel und Dolche hingen. Das kastanienbraune Haar war nach hinten gekämmt zu einem kurzen Zopf gebunden. Das glatte, ovale, bartlose Gesicht wurde von zwei schmalen, bleichen Lippen und zwei leuchtenden grünen Augen dominiert. „Ist das nicht die, die der Herr wollte? Ist eine Frau und schlägt um sich.“, wollte der Bursche wissen. Erol zog einen Dolch. Fast alle seine Finger zierten feine Ringe. „Prodi. Die Kleine da kann weder ein Schwert schwingen, noch hat sie lange schwarze Haare oder blaue Augen die einem das Fürchten lernen. Der Herr wird zwar übertrieben haben, aber das da, hat ihn kaum verjagt. Niedlich ist sie trotzdem. Könnte Spaß machen.“ Aera bekam Panik. Dieser schmierige Erol war ihr unheimlicher als der kräftige Prodi. Mit denen Reden machte keinen Sinn. Sie zappelte und trat weiter, legte ihren ganzen Körper in die Bewegungen und griff zum Kräutermesser. „Hehe, Erol, schau mal, sie will mich mit einem Brotmesser stechen.“ Aera warf das Messer in den Busch. Das schnaufende Geräusch von vorhin ertönte mit einem zusätzlichen grollenden Unterton. Beide Männer ruckten mit den Köpfen in die Richtung des Lautes. Pordi zuckte zusammen und griff sich an den Hals. Erol hob reflexartig den Arm und sog schmerzhaft die Luft zwischen den Zähnen ein. In seinem Arm steckten zwei lange spitze Stacheln und brannten wie Feuer. Prodi taumelte, seine Beine gaben nach, seine Augen verdrehten sich. Aera hatte keinen Stich gespürt. Die Stacheln für sie steckten in der dicken Pranke des Burschen. Schnell wand sie sich aus dem Griff, landete auf dem Boden, schleuderte Erol eine Ladung Erde mit Laub ins Gesicht, rannte zwei Schritte weg, rannte zurück zu dem sichtbehinderten, fluchenden Erol und schuppste ihn mitten in den Feuerdornbusch. Hoffentlich waren noch mehr Stachler im Gestrüpp. So schnell sie konnte, flüchtete sie die Mauer entlang Richtung Hof.
30.Eintrag
Aera lief wie ein Wiesel, sprang über die Furchen der Felder, nutzte ein paar kleine Windbüsche als Deckung und rannte zur nächsten kleinen Baumgruppe. Ängstlich kauerte sie sich hinter einen dicken Eichenstamm und lugte vorsichtig zurück. Niemand verfolgte sie. Ihr Atem ging schnell, stoßweise. Ihre linke Seite tat ihr weh. Und ihr aufgescheuerter Hals brannte. Wie konnten die beiden Kerle sie so überrumpeln. Der Fette war bestimmt nicht leise gewesen. Aera ärgerte sich, fluchte, betrauerte das verlorene Kräutermesser. Das würde sie sich wieder holen. Was für ein Tag. Das Seitenstechen wurde besser. Der Hof lag in einer kleinen Senke und war von hier nicht zu sehen. Aber die nächste große einsame Linde stand am Wegesrand und der Umzäunung. Neben der Linde lag meistens „Rum“, der große graue, lockige Hofhund der Ridders. Manch Reisender hatte sich nicht an ihm vorbeigetraut, obwohl das Tier ein liebes Gemüt hatte. Aera schätzte die Entfernung. Es war ein ganzes Stück, doch selbst wenn einer der beiden Männer jetzt auftauchen würde, wäre sie rechtzeitig an der Linde. Sie atmete tief durch und rannte los.
Rum lag träge im Schatten des Baumes. Er verließ seinen Lieblingsplatz am Nachmittag nur, wenn einer der Menschen ihn rief. Was aber fast nie vorkam. Er hatte einen natürlichen Trinknapf in den Wurzeln, den der Regen füllte, die Linde spendete Schutz vor der Sonne oder dem Regen und er hatte hier vor allem seine Ruhe. Als er den keuchenden Atem hörte, öffnete er verschlafen ein Auge, hob sein rechtes Schlappohr an und gähnte herzhaft. Das Wesen, welches da ankam, kannte er. Es kam immer wieder mal vorbei, kraulte ihn hinter den Ohren und ging wieder. Heute kam es schneller als sonst näher. Viel schneller. Rum stand auf, schüttelte sich, schnüffelte und verspürte einen Druck auf der Blase. Er tappte um den Baum, verrichtete sein Geschäft, tappte um den Baum und hörte das Wesen ungewöhnlich laut Geräusche aus dem Mund fabrizieren. Sein Name war dabei, aber er verstand nicht, was das Wesen von ihm wollte. Es zeigte immer wieder in eine Richtung, wo es leckere Hasen gab, aber es sah nicht hungrig aus. Dürr schon. Die meisten Wesen dieser Art waren größer und dicker. Es wuchs sicher noch. Rum schnüffelte, spähte, wartete. Heute schien nicht gekrault zu werden. Der Hund drehte sich ein paar Mal auf der Stelle, legte sich hin und hechelte von der Anstrengung. Aera stemmte die Arme auf ihre Oberschenkel und keuchte. Sie war in Sicherheit. Langsam ging sie zum Hof hinab, sich immer wieder umsehend, ob einer der Männer auftauchte.
Die Senke war zweihundert Schritt groß und am oberen Rand komplett umzäunt. Im Zentrum stand der Ridderhof, bestehend aus einem einzigen, langgezogenen, großen Haus, einem Brunnen, einem Gemüsegarten, einem riesigen Misthaufen inklusive stolzem Hahn und Hühnern. Ein paar Ziegen und zwei Ponys grasten um das Haus und das Grunzen von Schweinen drang aus dem Stall. Ein paar große Eichen standen in der Senke verteilt. Die Ridders hatte einen guten Platz erwischt. Es gab kaum wilde Tiere, die sich an den Hof wagten und was sie in der Senke anpflanzten, wuchs gut. Das Gras war kräftig und die Tiere gesund. Der Hof war gekalkt und hatte viele große und kleine grüne Türen und Fenster, an denen Kübel mit roten oder gelben Blumen hingen. Zwei Katzen tobten an Aera vorbei, als sie auf dem kleinen, ausgetretenen Weg zum Haus kam. Lottje Ridder, die älteste Tochter winkte aus einer breiten halbrunden Tür mit einer Mistgabel in der Hand. Als sie Aeras Zustand sah, warf sie die Gabel ins Heu und eilte zu dem Mädchen: „Kleine, was ist Dir widerfahren?“ Aera erzählte von dem Vorfall. Lottje war unscheinbar. Braune Haare, braune Augen, rundes Gesicht, normale kräftige Statur mit einem typischen bäuerlichen grauen Leinekleid, Kordel und Kopftuch. Während Aera sprach, kam die Bäuerin Nell mit einem Krug Wein aus dem Haus und rief Augenblicke später den Hof zusammen. Bald stand Aera umringt von Lottje, Nell, der jüngeren Tochter Cora, dem einzigen Sohn Dirk und dem alten Fenno Ridder. Fenno, ein liebevoller Mann mit grauem Vollbart, schütterem Haar, faltigem Gesicht, aber noch aufrecht und mit klaren braunen Augen war entrüstet. Er strich seine Hände immer wieder an seiner dicken, alten Lederweste über seiner beigen Leinenkutte ab. Dirk, die junge Version seines Vaters holte seinen Bogen aus dem Haus. Aera war das alles viel zu viel Aufmerksamkeit. So viele Leute mit so vielen Fragen und Stimmen. Sie kam nicht umhin, ihnen in die Küche zu folgen und dort bei Wein und Brot alles, was sie in den letzten beiden Tagen erlebt hatte, zu erzählen.
Najiba und Buck hatten das Roggenfeld hinter der großen Eiche überquert, waren einem Trampelpfad durch kleine Büsche und Bäume gefolgt und näherten sich einem Wäldchen. So unterschiedlich die beiden waren, freuten sie sich beide über den Schwarm Blaufalter, der plötzlich aus dem Feld aufstieg, über die orangel euchtende Kronkranzblume oder den Feldhasen, der sie mitten auf dem Pfad an einer Steckrübe mümmelnd geflissentlich ignorierte. Buck machte einen Bogen, während Najiba auf das kleine Tier zuging. Der Hase hörte auf zu knabbern und erstarrte. Flucht kam dem Kerlchen nicht in den Sinn. Nicht einmal, als die Waldläuferin eine Armlänge entfernt war. Najiba machte einen großen Schritt über den Hasen. Der duckte sich zwar, blieb jedoch hocken und als der Schatten über ihm weg war, hörte man ihn weiter an der Rübe nagen. „Mutig oder lebensmüde“, murmelte Najiba vor sich hin. Buck blieb stehen, drehte den Kopf hin und her, bis er meinte: „Stachler grummeln. Nicht gut. Buck anderen Weg gehen.“ „Stachler?“ fragte Najiba neugierig. Buck nickt: „Stachler!“ Najiba runzelte kurz die Stirn. Ihr Fehler. Sie fragte erneut: „Was sind Stachler?“ Buck antwortet: „Stachler sind schlecht gelaunte Igel.“ Die Waldläuferin runzelte die Stirn: „Wir machen einen Umweg wegen Igeln?“ Buck nickte erneut und zeigte Buck auf ein dichtes Buschwerk mit lauter kleinen roten Beeren, aus dem zwei Menschen kamen: „Die dort haben es falsch gemacht.“ Der kleinere von beiden Männern schleifte einen großen, schweren Burschen ins Freie. Kaum hatte er die Büsche hinter sich gelassen, lies er den anderen fallen und setzte sich ins Gras.
Charie und Brandur verzichteten der Dorfstraße zu folgen und liefen quer nach Nordosten vorbei an Eddas Hüte und dem geschlossenem Gasthaus der Familie Kraut bis zum Grund der Erzhammers. Sie kamen zu drei Gebäuden, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Das Wohnhaus war das Größte auf dem Platz. Ein hübsches, sehr gepflegtes Fachwerkhaus mit spitzem Dach, roten Fensterläden auf allen Seiten und einer Wandmalerei: „Einen Laufschmied auf seinem Weg durch die Natur“. Über der Tür hing das metallene Zunftzeichen Hammer und Amboss. Daneben stand ein winziges kreisrundes Holzhäuschen ohne Fenster und Tür, mit einer runden Kuppel als Dach. Ein leeres, beschlagenes Holzfass stand einsam daneben. Die Schmiede selbst, ein längliches, halb offenes dreckig verrußtes Steingebäude mit großem Rauchabzug lag seitlich davon. Dicker grauer Rauch quoll aus dem Kamin, die Esse glühte und warf einen rötlichen Schimmer auf alles in der Umgebung. Albert Erzhammer stand am Amboss, hielt mit einer großen Zange ein unfertiges Sensenblatt und schlug rhythmisch auf das glühende Metall. Funken stoben bei jedem Schlag in die Luft. Konram hing am Blasebalg und brauchte sein ganzes mickriges Gewicht, um die Esse weiter am Glühen zu halten. Der Balg fauchte, die Esse glühte hell auf. Konram gab den Stil frei, plumpste auf seine Füße und rief: “Papa, Papa, schon wieder die Fremden!“ Albert, legte sein Tagwerk zur Seite, wischte sich die schmutzigen, vernarbten Hände an seiner langen Lederschürze ab, nickte den beiden zu und fragte nach deren Begehr. Charie schlug die Hitze aus der Schmiede in Gesicht. Brandur hob die Hand, grüßte zurück und musterte die Ausstattung. Es war eine der üblichen Landschmieden, in denen alles gefertigt wurde, was der einfache Bewohner brauchte, vom Topf mit Deckel über Handwerkszeug bis zur Raddeichsel. Für diesen Stand war das Werkhaus beachtlich bestückt. Der Zwerg näherte sich weiter der Kohlenpfanne, streckte seine Hände der wohligen Wärme entgegen und rieb sie ab und zu. Konram stelle sich neben Brandur: „Schau Papa, ich bin so groß wie der Zwerg.“ Alberts grinste: „Hehe, ja Konram, und‘n Drittel Portion davon. Los, lauf und hol Becher. Scheint d‘ Herr hat Gefallen am Werk.“ Der kleine rannte zum Haus. Charie fühlte sich unwohl. Brandur fingerte mit seinem gesunden Arm an der auf der falschen Seite befindlichen Schlaufe, die seine Axt auf seinem Rücken hielt. Die Schlaufe weigerte sich. Grummelnd zückte er sein Messer. „Könnte ihr mir die Klinge scharf machen. Hat ein wenig bei der langen Reise gelitten.“ Albert ließ sich das Messer in die Hand legen und musterte es. „Das is‘ eine feine Arbeit. Die Holzschnitzerei is‘ sauber, das Blatt gut gesteckt und die Klinge… is‘ das Zwergenstahl?“ Brandur lächelte breit. „Is‘ mir eine Ehre Herr Zwerg.“ Der Schmied angelte mit dem Fuß einen Hocker, setzte sich hinter den Schleifstein und lies diesen mit einer Fußwippe rotieren. Während er das Messer schliff unterhielt er sich mit Brandur über seine Arbeit. Der Schmied schien zufrieden damit. Er hatte ausreichend Arbeit, versorgte die gesamte Umgebung südlich der Jolderhügel und fertige gelegentlich sogar ein paar Stücke für die adligen im Norden der Vogtei. Ein paar Minuten später kehrte der Junge mit drei kleinen Zinnbechern und einer Ampulle Schnaps zurück, schenkte großzügig ein und starrte abwechselnd Charie und Brandur an. Charie lehnte dankend ab, Brandur kompensierte das mit seinem Anteil. „Bist Du krank?“ fragte Konram die Elfe. Charie lächelte mühsam: „Nein, mein Kleiner. Ich bin wohl die Hitze nicht gewöhnt.“ „Haha“, grölte Brandur, „So schnucklig warm wird’s bei Euch im Wald kaum.“ Charie verbesserte den Zwerg: „Seylina ist eine Waldelfe, ich lebe mit meinesgleichen in den Auen!“ „Pah, sei‘s drum. Mehr als ein Lagerfeuer gibt es da auch nicht.“ Brandur fühlte sich viel zu wohl, als sich die Laune verderben zu lassen. Der Schnaps war ordentlich, bisschen schwach, aber gut im Geschmack. Charie war heiß. Sie gab es ungern zu, aber sie fing an zu schwitzen. Das war für Menschen nicht sichtbar. Aber es war unangenehm. Die Neugier überwog und sie blieb in diesem Glutkessel. Sie holte den grünen Stein aus ihrer Seitentasche und spielte mit ihm zwischen ihren schlanken Fingern. Konram sprang unvermittelt zu ihr: „Oh, so einen hab ich auch gehabt. Darf ich Deinen anfassen?“ Charie gab dem Jungen den Stein. „Hast Du Deinen Stein verloren?“, fragte sie freundlich. „Woher weißt Du das? Bist Du in meinem Kopf?“ Konram wich einen Schritt zurück. „Sei net blöd, Konram, die Dame hat‘s gut geraten.“ Brandur brummelt was von „Elfenkram“ und „Weiß man bei denen nie“, doch zum Glück hörte es niemand. „Der Tolpatsch hat‘n im Tümpel hinter’m Haus fallen lassen. Beim Entenfüttern. Gab’n riesiges Geschrei. Tagelang“, erklärte der Schmied. Koram schniefte: „Ich hab lange gesucht, aber das Wasser ist total brackig und trüb und es gibt tausende von Egeln da drinnen und auch Schlangen.“ „Das sin‘ Schleichen, Sohn, die könn‘ nicht beißen! Die Egel sin‘ aber wirklich mies.“, meinte Albert. Charie eroberte ihren Stein zurück und erkundigte sich: „Wo ist der Tümpel? Ich würde mir den gerne anschauen.“ Brandur verzog das Gesicht, als hätte er Saft getrunken: „Ich tausch niemals einen nassen Tümpel gegen eine urige Schmiede! Da komm ich nicht mit.“ Charie kannte die Angst der Zwerge vor Wasser und ihre Vorliebe für kräftige Getränke. Er meinte es nicht böse. Er war ein Zwerg. Sie dagegen freute sich auf frische, weniger heiße Luft. Sie winkte und war so schnell verschwunden, dass Albert es erst auffiel, als er wieder mal vom Schleifstein aufblickte. Brandur fragte eher widerwillig: „Wegen diesem Stein. War da was Merkwürdiges an ihm oder sind unheimliche Dinge passiert?“ Albert blickte nachdenklich ins Leere. Konram kratzte sich am Kopf: „Der Stein war schön und hat gefunkelt.“ „Hmm, das machen Juwelen, wenn sich das Licht spiegelt“, meinte Brandur. Konram protestierte: „Neee, das mein ich nicht. Im Dunkeln, wenn kein Licht da war, dann hat er manchmal von alleine gefunkelt. Wie ganz viele kleine Lichter in ihm drinnen.“ Brandur gefiel die Antwort wenig: „So ganz von allein? Im Dunkeln?“ „Sag ich doch!“, schnauzte der Junge. „Hoi, nich‘ so frech!“, schalt Albert seinen Sohn. Brandur schaute den Schmied fragend an. Mit dem Schleifen fertig, reichte dieser dem Zwerg das Messer zurück und sagte: „Ich hab‘ keine Ahnung. Hab das nie geseh’n.“ „Doch hat er. Ich schwöre es!“, rief Konram. Brandur verstaute das Messer, warf dem Schmied eine Münze zu und legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter: „Irgendwie, ich fürchte, ich glaub Dir Kleiner.“ Der Schmied füllte die Becher nach: „Warum fragt Ihr nach dem Stein?“ Brandur kippte den Inhalt runter: „Um ehrlich zu sein, ich bin mir selber nicht sicher. Die schlauen Magier und Elfen hoffen, dadurch mehr über die Krankheit zu erfahren!“ „Oh“, entfuhr es Albert, „ich dacht‘ nie, das das Ding bös‘ sein könnt. Konram hat‘s von Edda bekommen. Als Belohnung für ´ne Geschicht‘, die er erzählt hat. Und Edda hat die Stein‘ von ihrem Bruder. Der hat‘s vom Wandern mitgebracht. Hat nie erzählt woher. Hab nie gefragt. Schien nicht wichtig. Waren halt hübsch‘ grüne Steinchen. Der Lunigan könnte mehr wissen. Der war gut Freund mit Ildorin.“ Brandur klatschte laut in die Hände: „Fein. Während Charie in Entengrütze und Egeln rumstochert, hab ich die nächste Fährte entdeckt. Haha! Wo wohnt dieser Lunigan?“ Albert deutet nach Süden: „Es ist das erste Haus direkt am Dorfausgang zur Südstraße. Nicht weit von Franzibians Hütte.“ Brandur knirschte mit den Zähnen: „Ich sollte uns eine Karte von dem Dorf anfertigen. Von da kommen wir doch grade.“ Der Schmied lachte. Er hatte ein fröhliches, tiefes, ansteckendes Lachen: „Farhain is‘ winzig, Herr Zwerg. Da kommt man immer grade von wo her!“ Das erinnerte Brandur an den Minenschacht seines vierten Cousins Mütterlicherseits. Brandur wollte nicht darüber nachdenken. Er bedankte sich für die Gastfreundschaft, leckte den kleinen Becher aus und machte sich auf den Weg, Charie zu suchen.
31.Eintrag
Najiba und Buck blickten in die Richtung der Männer. Keiner zeigte Ambitionen sofort zur Hilfe zu eilen. Die Waldläuferin musterte Erol und Prodi aus der Ferne. „Kennst Du die Männer?“, erkundigte sie sich bei Buck. „Buck weiß nicht. Buck glaubt der dünne war oft Grund für schlechte Laune bei Herrn Corridon.“ „Sollen wir ihnen helfen?“ fragte Najiba zurückhaltend. Buck überlegte. Nach ein paar Sekunden ging er in eine andere Richtung weiter und brummte: „Stachler sind schlecht gelaunt. Stachler dort drüben sind richtig schlecht gelaunt. Männer schlafen und sind dann schlecht gelaunt. Wir machen Umweg!“ Najiba warf einen letzten Blick zu der Mauer und den Büschen. Wenn Buck das so ausdrückte, gab es keinen Grund für eigene schlechte Laune. Sie grinste und schloss zu Buck auf. „Sind diese Igel immer aggressiv? Und was macht sie gefährlich?“ „Stachler sind nicht gefährlich. Sind wie der alte Wirt, der immer schimpft. Anstatt mit Krügen, werfen sie mit Stacheln. Egal was trifft, Du fällst um, schläfst, wachst auf und bist schlecht gelaunt.“ Najiba hakte weiter nach: „Dann sind die Stacheln giftig?“ Buck blieb eine Weile still bis er antwortet: „Nicht giftig wie Egelspinne oder Tanitwespe. Eher wie Wein aus Taverne. Gibt dicken Kopf nach Schlafen.“ Najiba sortierte die Stachler in ihre Kenntnisse über Tiere ein: Kleine, leicht reizbare Igel, die in der Lage waren Stacheln mit Schlafgift zu verschießen. Ein Punkt blieb offen – wie ging man mit den Tieren um und könnte man das Gift praktisch verwenden. Sie fragte. Buck lief weiter und seine Antwort dauerte noch länger als zuvor: „Sei nett zu Stachler, dann brummt er nicht.“ Nach einer weiteren Pause: „Franzibian hat es mal versucht. War danach schlecht gelaunt.“
Die Ohren des Hundes zuckten leicht. Die Nase vibrierte im Wind. Heute war viel los. Nur er hatte wenig davon. Dirk war vom Hof gekommen und hatte ihm befohlen aufzupassen. Ohne Kraulen war Dirk wieder verschwunden. Die ersten Minuten hatte Rum neugierig den Weg beobachtet. Aber da kam nichts. Er hat auf das Rascheln der Hasen gelauscht. Aber die waren weit weg. Zu riechen gab es auch nur das, was sonst immer da war. Nicht mal die Nachrichten von Artgenossen lagen in der Luft. Das war nicht sonderlich aufregend gewesen und Rum hatte beschlossen, er könnte auch im Liegen aufpassen. Liegen war entspannend und so hatte er die Augen geschlossen. Die Nase zuckte stärker. Er schnüffelte. Es roch nach Stall, fremden Stall und einer ungewöhnliche Note von Wald, fremden Wald. Ein Auge öffnete sich. Da kamen Zweibeiner über das Feld. Die Hasen hoppelten schnell in ihren Bau. Ein Eichelhäher protestierte über den Verlust ihrer Beute. Rum rappelte sich widerwillig hoch. Gähnte kräftig, strecke das rechte Hinterbein, schüttelte sein dickes, schwarzes Fell, dass die Ohren flogen. Noch zwei Schnaufer, die Lefzen lecken, einmal Knurren und dann aus Leibeskräften bellen. Die ersten drei Laute waren zu hoch. Er legte mehr Grollen in die Stimme und stellte sich vor, dass die neuen Ankömmlinge ihn bestimmt auch nicht kraulten.
Kaum hatte Najiba die große Eiche erblickt, hörte sie das schaurig bedrohliches Bellen eines großen Hundes. Das schwarze Tier stand vor dem Baum und schlug in ihre Richtung an. Die Waldläuferin verlangsamte den Schritt. Buck klatschte in die Hände, als ob er sich freute. „Du kennst den Hund?“, fragte sie ihn. Buck jauchzte wie in kleines Kind: „Ja ja – Buck mag Rum. Und Rum mag Buck!“ Der Bursche rannte plötzlich los. Najiba folgte langsam in gebührenden Abstand. Brummende Igel waren gefährlich, gefährlich bellende Hunde waren lieb. Manche Wölfe kuschelten. Was dieser Schmetterling vorhatte, der grade von der Kornblume aufflatterte? Najiba schüttelte amüsiert den Kopf. Buck rannte auf den Hund zu und der Hund rannte ihm bellend und Schwanzwedeln entgegen. Sie rumpelten zusammen und wälzten sich auf dem Boden. Buck lachte, rollte sich hin und her, während Rum ihn immer wieder mit den Pfoten oder seiner Schnauze stupste und leckte. Als Najiba zu ihnen aufschloss, ruckte Rums Kopf nach oben und er knurrte sie an. Buck tätschelte dem Hund den Kopf, kraulte seine Ohren und meinte: „Die Frau ist nett!“. Der Hund bellte ein einziges Mal, schleckte Buck quer über das Gesicht, drehte sich auf den Rücken und lies sich von dem kräftigen Kerl vertrauensvoll den Bauch kraulen, wobei ihm gelegentlich ein leises Fiepen rausrutschte. Najiba schaute zu. Der Hund war kräftig, massiv und hatte einen ordentlich ausgeprägten Kiefer. Zum Glück war dieser hier gut gelaunt.
Rum war zufrieden. Die beiden waren Richtung Hof weitergegangen. Er hatte sich den Geruch des Weibchens eingeprägt. Er zwickte mit den Zähnen an seinem juckenden Bein, trabte zurück und bettet sich mit wonnig krauligem Gefühl zum Aufpassen in seine Mulde.
Der Tümpel war größer als Charie vermutet hatte. Er hatte seine 60 Schritt Durchmesser. Das Wasser war dunkel und von winzigen Pflanzen bedeckt, die vom festen Boden nahtlos in das Nass übergingen. Eis gab keine klare Abgrenzung von Wasser und Ufer, geschweige denn eine Vorstellung von seichten oder tiefen Stellen. An zwei Seiten wurde der Tümpel von dichtem Schilf gesäumt, an einer Seite stapelten sich übereinander liegenden Steinbrocken auf Kopfhöhe und nur die vordere Seite, an der die Waldelfin stand, bot einen leichten Zugang. Auf der Oberfläche jagten Wasserläufer hin und her, Fliegen summten, Libellen huschten über ein paar wenige große Seerosenblätter, auf denen ein brauner Frosch saß und gelegentlich quakte. Ein Entenpaar brütete im Schutz des Schilfes. Kleine Blumen mit winzigen, strahlenden weißen Blüten bildeten vor den ersten großen Steinen einen Teppich über den eine zweite stolze Entenmutter ihre vier Küken führte.
Obwohl sich fast die ganze Familie mit Aera in der Küche aufhielt, war der Raum nicht voll. Der mächtige Holztisch bot Platz für zusätzliche Gäste und ausreichend Arbeitsfläche. Dennoch fühlte sich die junge Heilerin unwohl. Es wurden ihr so viele Fragen gestellt, auf die sie keine Antwort hatte und es waren zu viele Augen auf sie gerichtet. Als sie mit dem letzten Vorfall an der Mauer ihren Bericht beendet hatte, zog sie unbewusst ihr Kopftuch zurecht, strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und biss in das warme Stück Brot in ihrer Hand. Die Ridders waren entrüstet über den Angriff. Lottje goss Aera Wein nach. Die Älteste spürte Aeras Verunsicherung und erhob die Stimme: „Seid mal still. Lasst der kleinen bisschen Luft. Dirk kontrolliert schon die Umgebung. Cora, lauf und sag den beiden Burschen, dass sie früher vom Feld kommen sollen. Nell, kannst Du bitte frische Kräuter aus Deinem Garten holen. Ich will Aera ein beruhigendes Gebräu machen. Aera kaute auf dem Brot und warf Lottje einen dankbaren Blick zu. Fenno blieb sitzen. Sein gutherziger, freundlicher Blick ruhte weiterhin auf Aera. Lottje konnte ihn nicht wegschicken, aber Fenno wusste selbst, wann er störte: „Ich kontrolliere den Brunnen. Diese Sache mit dem Wasser missfällt mir sehr.“ Er stand auf und die beiden Frauen waren allein. Lottje setzte sich dicht neben Aera und nahm ihre Hand: „Mädchen, geht es Dir wirklich gut. Sonst ist nichts passiert?“ Aera schluckte den Bissen in ihrem Mund runter. „Nein, alles gut. Meine Hände zittern, ich bin total zerzaust, in meinem Kopf summen Bienen und ich hab das Kräutermesser verloren, aber sonst ist alles gut.“ Die Bauersfrau drückte ihre Hand. Aera schüttelte den Kopf: „Nein, es ist nicht alles gut. Alles ist durcheinander. Ich vermisse Franzibian. Es sterben so viele Menschen, Edda ist schwer krank. Die Fremden sind so seltsam. Ich kann so wenig tun.“ Aera atmete durch. Lottje wischte ihr sanft über die Wange. „Die beiden Kerle haben Dir nichts getan?“ „Nein. Sie haben mich nur erschreckt. Vielleicht kann mich nachher jemand zurück ins Dorf begleiten? Oh und mein Messer?“ Lottje lächelte erleichtert. „Das Messer wird Dirk mit Rum zusammen finden. Er kennt die Mauer wie seine Bettstuben. Was wolltest Du eigentlich an der Mauer?“ Aera knabberte am Brot. Sollte sie Lottje direkt fragen. Der alte Bauer wäre vielleicht traurig, wenn sie nach den Sachen seiner gestorbenen Tochter fragt. Und Mädchen wissen bestimmt von den Sachen ihrer Schwestern. Aera hatte die anderen der Familie während ihrer Berichterstattung versucht zu beobachtet und einzuschätzen, wen sie fragen sollte. Franzibian hatte ihr einmal erklärt, wer wenig spricht, weiß viel. Aber sie war zu erregt gewesen. „Ich wollte zu Euch und was fragen!“, schoss es aus ihr heraus. Verlegen biss sie nun vollends ins Brot. „Und was?“, erkundigte sich Lottje mit gerunzelter Stirn. Aera kaute. Lottje wartete geduldig, schenkte sich selbst einen Schluck vom Wein ein und drückt wieder Aeras Hand. „Die Fremden haben den Verdacht, dass diese Steine von Edda magisch sind und etwas mit den Kranken und Toten zu tun haben könnten.“ Bei diesen Worten zog Aera ihre Hand aus der von Lottje, fingerte ihren grünen Stein aus der Tasche und hielt ihn der Bäuerin auf der flachen Hand hin. Lottje musterte ihn unbeeindruckt. „Er ist hübsch. Ich mag den Glanz.“ sagte sie. „Er sieht aber nicht gefährlich aus.“ Aera verzog den Mundwinkel kurz. „Ich hab keine Ahnung. Hast Du so einen in der Art schon mal gesehen?“ Lottje schüttelte den Kopf. „Cora sammelt so Dinge. Du könntest…“ „Könnte Lulu einen gehabt haben?“ unterbrach Aera und ihre Wangen gewannen an Farbe. Lottje blieb still. Die junge Heilerin bekam bedenken, die Bäuerin beleidigt zu haben. Sie setzte grade zu einer Entschuldigung an, als Lottje antwortete: „Lulu liebte Schätze und machte daraus immer riesen Geheimnisse. Wir haben oft vergebens versucht, was herauszufinden.“ „Oh ja, das ist wahr. Sie konnte Geheimnisse für sich behalten. Und ist dann wie ein kleiner junger Gockel damit herumstolziert.“, kommentierte Nell, die mit einem Korb Gemüse und Kräutern in der Küchentür erschien. „Ich mach das Wasser heiß. Suchst Du die Blätter für den Sud?“ Lottje stand auf, griff ein Bündel aus dem Korb und rupfte mit wissendem Blick gezielt ein paar Blätter von den Stängeln einer Pflanze. „Wie kommt ihr auf Lulu?“, erkundigte sich die alte Frau. Aera fragte auch sie nach dem Stein. „Cora hat die meisten Spielsachen von Lulu übernommen. Ihr solltet sie fragen. Fenno hat nur zwei oder drei Stücke von ihr behalten. Er war damals sehr traurig.“ Aera blickte die Bäuerin bewundernd an. Sie sprach über ihre verstorbene kleine Tochter ohne tiefe Trauer oder Verlustschmerzen. Nur ihr Gesichtsausdruck und der leicht veränderten Tonfall verrieten eine sehnsüchtige Erinnerung. Ob Aera mit Franzibians Tod später so umgehen konnte. Lottje zerdrückte die Kräuter in einer kleinen Schale und goss kochendes Wasser dazu. „Hatte Papa nicht die kleine Holzfigur und die Kette in ihren Sarg gelegt?“, fragte sie ihre Mutter. Nell nickte, während sie das Gemüse schrubbte und schälte. „Aber nicht in den Sarg. Er hat die Sachen in einer kleinen Schatulle am Totenrad vergraben. So wie bei jedem der von uns gegangen ist. Er gibt immer ein paar persönliche Sachen mit. Bei Großmutter war es der Ring und bei Großvater der Tabaksbeutel. Ich weiß noch wie er mit sich gerungen hat, als es ein Jahr keinen Tabak wegen der Dürre gab. Er hätte den fast ausgebuddelt.“ Nell lachte. Der alten Frau fiel Aeras leicht entgeistertes Gesicht auf. „Mach Dir keine Sorgen Kindchen. Die Toten ruhen. Die kommen wegen so was nicht aus dem Grab.“ „Mama“, rief eine helle aufgeregte Mädchenstimme von draußen. „Da kommen zwei Fremde auf den Hof!“. Lottje griff nach dem Brotmesser, Nell schnappte sich eine eiserne Pfanne und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf Aera: „Du bleibst schön hier. Hast genug erlebt.“ Beide eilten auf den Hof.
Seylina und Leomar jagten im gestreckten Galopp über die Felder und unbestellte grüne Graslandschaft. Dem Rappen schien das zusätzliche Gewicht nichts auszumachen. Er verspürte Freude an der Geschwindigkeit, lies seinem Temperament freien Lauf, sprang über kleinere Hindernisse oder Gräben und genoss den sanften Stil seiner Reiterin. Bald kamen sie an den Farbach, der von Westen nach Osten in gemütlicher Geschwindigkeit seinem vier Schritt breiten Bett folgte. Seylina zügelte das Pferd. Das flache Ufer war gut bewachsen mit Gräsern, Schilf, Büschen und Bäumen, versperrte war der Zugang zum Wasser jedoch nur selten. Seylina ließ den Blick schweifen. Eine breitere Stelle mit flachem hellerem Gras und brauner sichtbarer Erde deutete auf einen Trinkstelle hin. Eine große Rotbuche, um die ein paar Krähenkreisten, stand nah am Wasser. In der Ferne war im Westen eine kleine Brücke zu sehen. Während sich in diese Richtung die fruchtbare Graslandschaft weiter ausbreitete, wurde die Vegetation im Osten dichter und dunkler. Mehr und mehr Büsche und zunehmende Baumgruppen formierten sich rasch zu einem Wald. Den Bachlauf konnte sie anfänglich noch mit den Augen verfolgen, bis er sich im vielfarbigen Grün des Laubwaldes verlor. Auf der anderen Seite des Flusses wurde es rasch hügeliger. Weniger große Bäume, dafür umso mehr knorrige Gewächse und hohes helles Gras. Die Gegend schien deutlich trockener. In einiger Entfernung ragten hohe karge Hügelkuppen hervor. Leomar glaubte, auf der anderen Seite des Farnbach einen Trampelpfad entdeckt zu haben, der nach Nordosten lief. Seylina nahm alle Gerüche, Geräusche und Eindrücke der Natur in sich auf. Es lag keine Bedrohung oder Gefahr in der Luft, keine unnatürliche Störung des Gleichgewichtes. Das Dorf war von hier nicht mehr zu sehen. Leomar blickte vom Rücken des Pferds auf den Boden. Gras, Bodenbecker, Blumen, Erde, fetter Regenwurm und eine Ameisenstraße. Das wirkte alles mehr als normal.
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Beilunker Reiter
22.09.2018